Aus der Lehre in die Kurzarbeit

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Düsseldorf. Ein Pilotprojekt sichert 100 Nachwuchskräften bei Thyssen-Krupp Nirosta den Job. Der Krefelder Edelstahl-Riese übernimmt 100 junge Fachkräfte, für die wegen der dramatischen Auftragseinbrüche keine Arbeit mehr vorhanden ist. Sie werden auf Kurzarbeit gesetzt und fortgebildet.

Eine Krise wie diese trifft auf dem Arbeitsmarkt die Jüngeren zuerst. Wer in der Probezeit steckt, einen befristeten Vertrag oder gerade seine Lehre abgeschlossen hat, ist am schnellsten draußen. Damit landet ausgerechnet jener Nachwuchs auf den Fluren der Arbeitsagenturen, der mit den geburtenschwachen Jahrgängen schon bald knapp werden soll. Diesen Fehlstart für die künftigen Stützen der Wirtschaft will die Landesarbeitsagentur verhindern. Mit einer neuen Variante der Kurzarbeit.

Das Pilotprojekt läuft seit Juli bei Thyssen-Krupp Nirosta. Der Krefelder Edelstahl-Riese übernimmt 100 junge Fachkräfte, für die wegen der dramatischen Auftragseinbrüche keine Arbeit mehr vorhanden ist. Sie werden ein Jahr lang auf „Kurzarbeit Null" gesetzt. Das bedeutet, sie dürfen nicht in der Produktion eingesetzt werden. Doch im Gegensatz zu den meisten Kurzarbeitern bleiben sie nicht zu Hause, sondern werden in diesem Jahr fortgebildet.

Bundesweit einmaliges Konzept

Dieses bundesweit einmalige Konzept hat Christiane Schönefeld, Chefin der NRW-Arbeitsagenturen, mit Thyssen-Krupp Nirosta entwickelt. Sie hofft, dass es Schule macht, denn viele Azubis haben nach ihrer Abschlussprüfung zwar eine Urkunde, aber keinen Job. Nach dem Ende der Ausbildung meldet sich laut Schönefeld etwa jeder Vierte arbeitslos. Von den rund 100 000 jungen Menschen, die in diesem Jahr in NRW ihre Lehre beenden, würden also 25 000 nicht übernommen.

„Diese jungen Fachkräfte sind für den Betrieb verloren", sagt Schönefeld. Sie wechselten in andere Branchen und arbeiteten dort als Un- oder Angelernte unter Wert. Genau das will Nirosta-Personalchef Klaus-Peter Henning verhindern, um nicht umsonst oder gar für die Konkurrenz ausgebildet zu haben. Weil in den Kaltwalzwerken Berufserfahrung unersetzbar sei, müsse der Edelstahl-Produzent langfristig planen und dem drohenden Fachkräftemangel vorbeugen. „In einen Ausbildungsplatz stecken wir 60 000 bis 80 000 Euro. Würden Sie in eine Maschine investieren, die Sie nach drei Jahren wegschmeißen?"

Alle Nachwuchskräfte werden aufgefangen

Auch Dominik Heidrich wird nicht weggeschmissen, sondern veredelt. Darüber ist er heilfroh. „Als ich die Ausbildung begonnen habe, waren die Perspektiven sehr gut. Das hat sich in der Krise geändert", erzählt er. Jetzt gewinnt er ein Jahr Zeit – und die Bezahlung könnte schlechter sein: Die Arbeitsagentur zahlt als Kurzarbeitergeld 60 Prozent dessen, was ein Facharbeiter netto als Einstiegsgehalt verdienen würde. Thyssen-Krupp stockt auf 90 Prozent auf. Die Kosten der Weiterbildung übernimmt zum größten Teil der Europäische Sozialfonds.

Mit dem neuen Modell fängt Nirosta alle Nachwuchskräfte auf, die seit 2007 ihre Ausbildung beendet haben. Der Stahl-Tarifvertrag kennt eine einjährige Übernahmegarantie, die 2009 sogar auf zwei Jahre verlängert wurde. Es werden demnach Mitarbeiter gehalten, deren Beschäftigungsgarantie bereits abgelaufen ist, aber auch solche, die laut Tarifvertrag hätten übernommen werden müssen.

IG Metall voll des Lobes

Kurzarbeit hätten ihnen so oder so gedroht. Der IG Metall war wichtig, dass sie während dieser Zeit fortgebildet werden. Deshalb ist sie auch voll des Lobes über das Konzept. „Das ist eine sehr intelligente Lösung in der Krise, um Beschäftigung zu sichern", sagt IG-Metall-Sprecher und Stahl-Experte Marc Schlette.

Die Landesarbeitsagentur empfiehlt dieses Projekt ausdrücklich zur Nachahmung. Es stehe allen Branchen offen. Für die Behörde sind die Kosten genauso hoch wie das Arbeitslosengeld, das sie andernfalls zahlen müsste. „Doch das ist immer die schlechteste Lösung", betont Schönefeld.

 
 

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