Auftrieb für die Gründer-Szene

Essen.  Donnerstagvormittag, zehn Uhr, vor der Zeche Carl. Eigentlich soll sie gerade losgehen: die „Welcome Session“, Auftaktveranstaltung der bislang größten Start-up-Konferenz in der Region. Doch noch steht man Schlange. Knapp 600 Teilnehmer sind gekommen, darunter 150 Start-ups und über 50 Redner, entsandt etwa von Amazon Web Services, den Aldi Süd Stiftungen, Ernst&Young, der Deutschen Bank und der KfW Bankengruppe.

Sie alle eint das Anliegen, der Gründerszene im Ruhrgebiet endlich den nötigen Auftrieb zu geben, damit sie wächst und wahrgenommen wird, nicht nur in Essen und Dortmund, sondern darüber hinaus. Weit darüber hinaus. Der Ruhr Summit soll das langersehnte Forum für den Austausch mit anderen Gründern und potenziellen Investoren bieten. Dazu sind an diesem Tag nicht nur Vorträge, Workshops und Diskussionsrunden geplant, sondern auch Speed-Dating zwischen Gründern und Geldgebern, und ein Wettbewerb, bei dem zwölf vorausgewählte Teams ihre Ideen präsentieren können. Themen auf der Agenda sind etwa: „Die Zukunft guten Unternehmertums“, „Do’s and Dont’s bei der Investorensuche“, „Patente als Investorenköder“.

Mit leichter Verspätung wirft Oliver Weimann, Geschäftsführer der Unternehmensberatung 360 Online Performance Group, die zu den Initiatoren des Ruhr Summits zählt, ein fröhliches „Guten Morgen, Start-ups!“ in Richtung Publikum. Begrüßungsworte kommen von den Mitveranstaltern Carmen Radeck (Ruhrgründer.de), Dirk Sander (Social Impact Lab) und Thomas A. Lange (National-Bank und Initiativkreis Ruhr). Letzterer pocht auf die „ökonomische Potenz des Landes“, die ihresgleichen suche. Seine Botschaft: Da geht noch viel, viel mehr.

Natürlich muss auf einem solchen Gipfel auch die Rolle der Region beleuchtet werden. Denn es gilt ja auch zu klären: Warum immer Berlin, warum nicht Duisburg? Oder Herne? Einer, der darüber bestens Bescheid weiß, nicht nur weil er sich mit seiner Firma Etventure, einer Digitalberatung und Start-up-Schmiede, beruflich mit der Thematik auseinandersetzt, sondern auch, weil er selbst lange im Ruhrgebiet gelebt hat, ist Christian Lüdtke. Damit junge Unternehmer mit ihren Ideen eben nicht nach Berlin abwandern, bedürfe es „radikaler Einschnitte“. Soll heißen: Schluss mit den „Old-School-Argumenten“ Nähe zum Rhein, erfolgreicher Strukturwandel, Logistikstandort, Industriekompetenz und wie sie alle lauten, und Schluss mit verkrampften Imagekampagnen. Weg vom „Bewahren und Erhalten um jeden Preis“.

Das eigene Modell infrage stellen

Das „industrielle Herz“ der Region biete durchaus Chancen – wenn auch alteingesessene Unternehmen den Mut aufbrächten, das eigene Modell infrage zu stellen, sich für Neues zu öffnen, mit den Start-ups nachhaltig zu kooperieren. Denn wo kein Kapital, da keine Gründungen. Auch die Möglichkeit eines steten Austauschs mit Gleichgesinnten sei unerlässlich. „Wer den nicht findet, geht woanders hin.“ Heute aber sind sie alle hier: „Heelena“, das Start-up, das sich um gemarterte Frauenfüße sorgt und deshalb High Heels auf den Markt bringen will, die sich sekundenschnell in bequeme Ballerinas verwandeln lassen. Oder „Caregaroo“, ein Online-Vermittler für Kinderbetreuung. Und die Videotelefonie-Plattform „Daheim“, die Geflüchtete und Einheimische ins Gespräch bringen will, mithilfe eines „interessenbasierten Matching-Algorithmus“. Ideen gibt es offenbar zu Genüge. Networking auch: Ohne Unterlass wird geredet am Rande der Präsentationen, Visitenkarten werden getauscht, weitere Gespräche vereinbart. Hält der Ruhr Summit also, was er versprochen hat? Die Geräuschkulisse jedenfalls könnte ein Indiz dafür sein.

 
 

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