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Auf Tour mit einem Fahrradkurier durch Essen

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Radkuriere gibt es in einigen Städten des Ruhrgebiets – auch in Essen. Die Pedalritter sind die Richtigen für eilige Briefsachen. Und im Nahbereich viel schneller als motorisierte Lieferanten. WAZ.de ist mitgefahren.

Essen. 

Es gibt kein falsches Wetter, es gibt nur falsche Kleidung. Wer auch immer diesen Spruch erfunden haben mag, er sei verflucht. Wir stehen vor der Essener Niederlassung der Bundesbank und es schüttet aus Eimern. Ronny Arnold greift in seinen großen Rucksack, kramt eine Regenhose raus. „Ein bisschen nass werden ist nicht schlimm, aber Radfahren mit feuchtem Hintern, das muss nicht sein.“ Arnold ist Fahrradkurier, sein eigener Chef.

„Die Kuriere“ heißt seine Firma. Der 38-Jährige tritt seit elf Jahren für seinen Lebensunterhalt in die Pedale. Doch Tage wie dieser, die mag auch er nicht besonders. Der Glückliche, eine Regenhose. Die habe ich nicht. Die Kollegen hatten gesagt: „Du machst das schon.“ Na klar, mach’ ich. Von Wolkenbrüchen war da aber noch keine Rede.

Eine Viertelstunde Zwangspause, der Regen lässt nach. Zum Glück hat das Rad Schutzbleche. Nichts für Puristen, aber praktisch. Die Bundesbank-Tour fährt Arnold regelmäßig – vom Essener Finanzamt zur Filiale der Notenbank sind es gerade einmal vier Kilometer. Der Kurier hat versprochen, langsam zu fahren. Er ist ganz sicher besser im Training. „Rasen bringt sowieso nichts. Dann steht man an jeder Ampel“, sagt Arnold.

Drei Radkuriere machen sich täglich auf den Weg

„Besser, man schwimmt mit dem Verkehr“, sagt er. Schwimmen, wie treffend. Schuhe und Socken sind bereits klatschnass, da kommt der nächste Anruf. Arnold geht ans Handy-Headset. Eine Werbeagentur ist dran. Probedrucke müssen ausgeliefert werden, ins Ostviertel. Quer durch die Innenstadt, durch die Fußgängerzone. Aber immer schön vorsichtig. „Es reicht einfach nicht, nur schnell zu sein. Man muss auch den Stadtplan kennen“, sagt Arnold. Wir finden den Empfänger nicht auf Anhieb. Arnold hakt nach, beim Sarggroßhandel auf dem Hinterhof. „Der Eingang ist um die Ecke.“ Schnell den Druck abliefern, Anruf aus der Zentrale, neuer Auftrag.

Für Arnold machen sich täglich drei Radkuriere auf den Weg, er bietet aber auch Kurierdienste mit Motorrad und Auto an – über Stadtgrenzen hinweg. Ein- bis zweimal die Woche schwingt er sich selber aufs Rad. Um nicht aus der Übung zu kommen. „Das brauche ich einfach für mein Wohlbefinden“, sagt der gelernte Koch, der irgendwann für sich entschied: „Ich will lieber draußen arbeiten.“

Aufträge sollen möglichst gerecht verteilt werden

Den Rest der Zeit verbringt er mit Management. Arnold achtet darauf, dass jeder Fahrer gut ausgelastet ist, Aufträge gerecht verteilt werden. Denn die meisten fahren auf Provisionsbasis. 50 bis 70 Prozent des Umsatzes bekommen die Fahrer, der Rest bleibt für die Zentrale. Und was kostet ein Transport per Rad? „Hängt von der Entfernung ab“, sagt Arnold. „Die Kuriere“ berechnen sechs, acht oder elf Euro. Bei Großaufträgen gibt’s Mengenrabatt.

WirtschaftsmagazinDas Geschäft, sagt Arnold, habe sich in den vergangenen Jahren sehr gewandelt. Schuld daran ist auch das Internet. Die E-Mail hat viele eilige Postsachen, für die Radkuriere die Idealbesetzung waren, überflüssig gemacht. Das Geschäft mit Fotolaboren ist wegen der Digitaltechnik tot. Keiner schickt mehr Negative auf die Reise. Gut, wenn man dann breit aufgestellt ist. Ein Standbein ist das Geschäft mit Dentallaboren und Zahnärzten: Ein neues Gebiss per Radkurier, auch das bringen „Die Kuriere“. Sein Unternehmen wachse, sagt Arnold. Langsam, aber stetig. Als Thyssen-Krupp von Düsseldorf zurück in die Geburtsstadt des Konzerns zog, sei er angesprochen worden. Das Unternehmen hatte gute Erfahrungen mit Kurieren in der Landeshauptstadt gemacht.

Verhandlungen mit der Stadt Essen

Trotzdem müsse er dauernd neue Geschäftsbereiche erschließen. Er stehe in Verhandlungen mit der Stadt Essen. Die Idee: Bürger müssen nur einmal aufs Amt, wenn sie einen neuen Ausweis beantragen. Geliefert wird per Kurier. „Würde ich gern machen“, sagt Arnold. Das gebe es schon in anderen Städten.

Stadtteil Rüttenscheid, schnell noch einen Brief ausliefern. Bis jetzt bin ich das Tempo mitgegangen. Doch nach zweieinhalb Stunden fangen die Waden an zu schmerzen. Arnold schaut sich um, merkt, dass seine Aushilfe zurückfällt. Die nächste Ampel ist zum Glück nicht mehr weit. Einfach mit dem Verkehr mitschwimmen, einfach nur mitschwimmen. Und bloß nicht an den Tag danach denken. Der Muskelkater kommt bestimmt von ganz allein.