Zu wenig Schulpsychologen in Nordrhein-Westfalen

Düsseldorf/Ruhrgebiet. Elf Minuten Zeit für jeden Schüler und Lehrer haben Nordrhein-Westfalens Schulpsychologen statistisch gesehen: im Jahr. Um es anders zu sagen: In Nordrhein-Westfalen kommen auf jeden Schulpsychologen 10 740 Schüler und Lehrkräfte.

Aufgabe der Schulpsychologen ist es eigentlich, vorbeugend zu arbeiten. Sie sollen unter anderem verhindern helfen, dass Schüler sitzenbleiben. Doch auch in diesem Schuljahr hat genau das bei zigtausenden Heranwachsenden wieder nicht funktioniert. Genaue NRW-Zahlen liegen noch nicht vor, aber im letzten Schuljahr waren es 30 500 bei ähnlicher Schüler-Gesamtzahl. Das waren 2,7 Prozent der Kinder, die ein Scheitern bewältigen mussten. Immerhin ist die Tendenz bei Sitzenbleiberzahlen in den letzten Jahren deutlich fallend.

Beraten und fördern

Im Erlass des Bildungsministeriums von 2007 sind die Aufgaben der Schulpsychologen umrissen. Demnach sollen sie „Lehrkräfte bei der Erfüllung ihres Bildungs- und Erziehungsauftrags unterstützen”, Schüler und Eltern bei Schulproblemen und Erziehungsfragen beraten, Fördern bei besonderer Begabung und bei Lernschwierigkeiten, Schullaufbahnberatung erteilen, bei der Lösung von psychosozialen Problemstellungen helfen und Supervision für Lehrkräfte anbieten. Hinzugekommen ist jetzt noch die Ausbildung von Kriseninterventionsexperten in jeder Region.

Nicht bei allen Schülern gibt es freilich dringenden Beratungsbedarf, vieles lässt sich in Gruppen klären. Dass es eigentlich deutlich mehr Beratungskräfte geben müsste, darüber besteht allerdings Einigkeit. Nicht nur, aber auch und gerade angesichts der Amokläufe an Schulen in Deutschland in den letzten Jahren. Am Realschulinternat Brannenburg in Bayern vor neun Jahren, am Johann-Gutenberg-Gymnasium in Erfurt vor sieben Jahren, an der Geschwister-Scholl-Realschule in Emsdetten vor drei Jahren und an der Albertville-Realschule in Winnenden vor drei Monaten.

Nicht der Bedarf, das Geld entscheidet

In den letzten zwei Jahren ist die Zahl der Schulpsychologen in NRW aufgestockt worden. Jede Stadt und jeder Kreis hat nun mindestens einen Schulpsychologen. Die Verteilung allerdings richtet sich nicht nach dem Bedarf der jeweiligen Kommune, sondern nach deren finanziellen Möglichkeiten. Geld vom Land zum Aufstocken gab es anfangs nur für Städte, die selbst eine Zusatzstelle einrichten. So kam es dazu, dass eine Stadt wie Gelsenkirchen mit vielen sozialen Brennpunkten und hoher Arbeitslosigkeit (15,1 %) nur drei Schulpsychologen zur Verfügung hat, das reiche Münster hingegen bei vergleichbarer Schülerzahl stolze 10,5. In den 70er Jahren, als die Gesamtschulen gegründet wurden, erhielten übrigens alle eine Planstelle für Schulpsychologen, um ein niederschwelliges Beratungsangebot machen zu können. Heute sind diese Stellen in die regionale Betreuung übergangen. Dabei wünschen sich Schulpsychologen weiterhin eine integrierte Arbeit mit festen Zuständigkeiten für Schulen. Wer die Verhältnisse und Strukturen vor Ort kennt, kann schneller effektiv arbeiten.

Schulpsychologen in NRW sind in zwei Verbänden organisiert: in dem als auf NRW zugeschnittenen, 1994 gegründeten Landesverband Schulpsychologie NRW und im Bundesverband der Psychologen, (BDP). In einer landesweiten Arbeitsgruppe entwickeln Vertreter beider Organisationen und aller vier Regierungsbezirke Konzepte für eine optimale Arbeit vor Ort trotz Dauer-Unterbesetzung.

Hamburg hat die meisten Schulpsychologen

Bundesweit liegt NRW mit seiner Schulpsychologen-Schüler-Relation im Mittelfeld. Spitze ist Hamburg, wo sich 5491 Schüler (Stand 2008) einen Schulpsychologen teilen, Schlusslicht ist Niedersachsen mit 1:26 324. Der Bundesverband der Psychologen sieht als Mindestgrenze einer tragbaren Schüler-Psychologen-Relation 1:5000, also 500 Schüler und Lehrer je Schulpsychologen.

Im internationalen Vergleich allerdings sieht es bitter aus für die Bundesbildungsrepublik. Vor allem beim Metropolen-Vergleich: Berlin 1:6200, Helsinki 1:800, Stockholm und London 1:1200, in Moskau 1:600! Beim Ländervergleich führt Dänemark (773 Schüler) vor der Schweiz (922) und Spanien (1186).

 
 

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