Unterwegs im Seelenlabyrinth

Bochum.  Ein Mann, Michael, reist in die Provinz, um jene Stadt wiederzusehen, in der er als junger Journalist gearbeitet hat. Das ist, vordergründig, die Ausgangslage in Werner Streletz’ neuem Roman „Rückkehr eines Lokalreporters“. Tatsächlich wird aber nicht von nostalgischen Gefühlen, sondern von einer existenziellen Sinnsuche erzählt.

Michael hat ein Geheimnis

Ein Mann unterwegs, ein einsamer Mensch, wie es scheint. Michael kommt im Haus eines Freundes unter, dort will er ein Buch schreiben. Doch zwanghaft zieht es ihn in die namenlose „Schlossstadt“, und je länger sein Aufenthalt in dieser nicht näher lokalisierten Provinz dauert, desto klarer wird, dass Michael ein Geheimnis hat.

Dieser Journalist ist kein durchs Leben tanzender Baby-Schimmerlos-Reporter, sondern ein wackeliger Mensch, unsicher, voll mit Argwohn gegen jene, über die er damals schreiben musste – Vereinsmeier, Bürgermeister, Kleinstadt-Künstler. Das macht ihn zum Außenseiter. Klar wird, dass Michael diese seine frühen Verhältnisse nicht wirklich überwunden hat, beruflich nicht, privat nicht: Seine Frau war in jenen Jahren depressiv und in der Klinik. So wird die Reise in die Schlossstadt zu einem Trip in eine unbequeme Vergangenheit, die nicht zu Ende ist. Mithin zu einer Reise zu sich selbst. Am Ende, so scheint es, bleibt Michael, was er immer war: allein.

Geschichten des Fremdseins sind oft erzählt worden, in Camus’ „Der Fremde“, im „Stranger Song“ von Leonard Cohen, in „Taxi Driver“ von Martin Scorsese. Streletz, der als literarischer Zeichner gebrochener Figuren bekannt ist, beschwört auch in „Rückkehr eines Lokalreporters“ kunstvoll und wie zwangsläufig die Psychologie des Unglücks, das Stranden von Menschen an Umständen, vor allem aber an sich selbst. Dieser Lokalreporter wird wieder und wieder mit Isolation, Schuld, Entfremdung konfrontiert; aber er selbst ist es, der immer wieder Dünger auf sein Unglück gießt. So wird die Schlossstadt zum Seelenlabyrinth wie für den Landvermesser K. das Schloss.

Packende, verknappte Sprache

Streletz’ Roman erzählt diese existenzielle Geschichte in einer packenden, verknappten Sprache, die sogleich fesselt und den Abstand zur Hauptperson mit jeder Zeile weiter verkürzt. Hinterher ist der Leser in Michaels Welt eingesogen. Er erkennt in ihm keinen lauthalsen Welterklärer, sondern einen Zweifler und Zauderer. Die Skepsis gegenüber der eigenen Existenz, hier wird sie beschworen.

 
 

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