Sturmtief Daisy lässt Strompreise purzeln

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Essen. Wenn bei einem Sturmtief wie Daisy Massen an Windenergie ins Stromnetz drängen, purzeln an der Börse die Energiepreise. Für die Energiekonzerne ist es günstiger, den überschüssigen Strom zu verschenken, anstatt die Atom- oder Kohlekraftwerke zu drosseln. Nur: Der Verbraucher hat nichts davon.

Ab und an geschieht Wunderliches an der deutschen Strombörse EEX in Leipzig. Während sich für Otto-Normal-Verbraucher in Deutschland Strom in unschöner Regelmäßigkeit verteuert, wird hier Energie zeitweilig verschenkt. Unglaublicher noch: Stromerzeuger bezahlen Käufern an bestimmten Tagen Geld, um Strom loszuwerden. Das Phänomen heißt „negative Strompreise”, und die gibt es wirklich.

Am Sonntag des vergangenen Wochenendes, um 6 Uhr morgens, wurde in Leipzig eine Megawattstunde (1000 Kilowattstunden) Strom mit minus 9,90 Euro gehandelt. Im Schnitt kostet sie derzeit 50 Euro. Doch nun gab es für den Käufer noch Geld obendrauf. Knapp zehn Euro also erhielt derjenige, der den Strom abnahm. Ein Wochenende für Schnäppchenjäger, die dem Sturmtief „Daisy” dankten: Es war der Windstrom, der die Preise drückte.

Windparks auf dem Meer

Windenergie erlebt in Deutschland derzeit einen rasanten Aufschwung. 25 500 Megawatt an Leistung sind aktuell in Deutschland installiert. Als Energielieferant der Zukunft sieht die Bundesregierung die Stromerzeugung auf dem Meer: Bis 2030 soll die Leistung der Offshore-Anlagen auf 25 000 Megawatt mehr als verdoppelt werden. Doch schon jetzt drückt diese Kraft gewaltig ins Netz, wenn der Wind so kräftig weht wie an diesem Daisy-Wochenende. Die Folgen für die Netzbetreiber sind gravierend: Sind die Netze in verbrauchsarmen Zeiten, an Wochenenden oder an Feiertagen, voller Windstrom, wächst die Gefahr, dass die Leitungen wegen Überlastung zusammenbrechen. Windenergie, klimafreundlich und aufwändig produziert, wird dann zum Störfall.

Politisch ist geregelt, dass jede Kilowattstunde Strom, die aus erneuerbaren Energiequellen stammt, im Netz Vorrang vor Strom aus Kohle- oder Atomkraftwerken genießt. Doch physikalisch gibt es Grenzen: Im Stromnetz kann nur so viel Energie fließen, wie auch abgenommen wird. Um die Schwankungen der Windkraft auszugleichen, müssen Kohle- oder Atomkraftwerke gedrosselt werden. Das An- und Abfahren aber kostet Geld. Ökonomisch war es für die Betreiber bislang günstiger, Kohlekraftwerke durchlaufen zu lassen. Flexibler zu regeln seien Atomkraftwerke, heißt es bei Innogy, der Ökostromtochter des Essener Energiekonzerns RWE.

Finden sich also in windigen Zeiten nicht genug Abnehmer, purzelt oftmals der Preis, um den überschüssigen Strom an den Mann zu bringen. Der bisher gravierendste Fall: Vor wenigen Wochen, am zweiten Weihnachtsfeiertag, lag der Strompreis an der Börse im Tagesmittel bei minus 36 Euro je Megawattstunde. Nie zuvor war Strom in Deutschland so billig. „Das ist das Wetterleuchten eines Systemkonflikts”, beschreibt die Deutsche Energieagentur die Rivalität von grüner und konventioneller Energie im Netz.

„Wir bezahlen Geld dafür, dass wir Ökostrom entsorgen”, sagt Marian Rappl, Sprecher des Netzbetreibers Amprion, einer Tochtergesellschaft des Energiekonzerns RWE. Nicht nur Frankreich oder die Niederlande freuten sich über Gratis-Strom aus Deutschland, heißt es in der Branche. Für Betreiber von Pumpspeicherkraftwerken in Skandinavien etwa lohne es sich sogar doppelt: Mit deutschem Ökostrom wird zunächst Wasser in ein höheres Becken gepumpt, um es später abzulassen, Strom zu erzeugen und wieder zu verkaufen.

Von den Geschenken an der Leipziger Börse merkt der Verbraucher nichts. Er bezieht seinen Strom von den Vertriebsgesellschaften, die sich langfristig mit Strom eindecken. „Im Tarif sind die Schwankungen mitinbegriffen”, sagt Michael Rosen, Sprecher des Geschäftsbereichs Supply und Trading (Energiehandel) von RWE.

 
 

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