Späte Ehre für verschollenen Horvath

Matthias Röder

Wien.  „Ich muss leben, ob ich will oder nicht.“ Der Geiger namens Klein gehört zu den Verzweifelten im Mietshaus des verkrüppelten Wucherers Fürchtegott Lehmann. Sie alle sind ohne Geld, ohne Hoffnung, ohne Glaube, ohne Zukunft. Es ist ein düsteres Szenario, das der Dramatiker Ödön von Horvath (1901-1938) in „Niemand – eine Tragödie in sieben Bildern“ entworfen hat. Das erst vor wenigen Jahren wieder aufgetauchte Stück von 1924 erlebte fast 80 Jahre nach dem Tod des Dramatikers im Theater in der Josefstadt in Wien seine Uraufführung.

Eine Chiffre für das Auslagern

Sie wurde lebhaft beklatscht. Besonders laut war der Applaus für die Hauptdarsteller Florian Teichtmeister als Fürchtegott Lehmann und Gerti Drassl als Ursula – eine Mieterin, die sich aus purem Hunger vom allseits verhassten Vermieter heiraten lässt. Das Stück entstand in der Zeit der Hyper-Inflation, die viele Sparer in der Weimarer Republik um ihr letztes Geld brachte.

Von vorneherein war klar, dass das gut 100-minütige Frühwerk Horvaths nicht an seine späteren Volksstücke wie „Geschichten aus dem Wiener Wald“ oder „Kasimir und Karoline“ heranreichen würde. Schauspieler und selbst Josefstadt-Chef Herbert Föttinger, der die Inszenierung übernommen hatte, hatten auf einige Schwächen bei Text und Ausgestaltung der nicht weniger als 24 Charaktere hingewiesen.

„Niemand“ – der Titelgeber des Stücks, des einzigen, das Horvath ausdrücklich Tragödie nannte, ist für Lehmann „Gott“. Es ist aber vor allem eine Chiffre für das Auslagern von Verantwortung und Engagement. „Niemand hat den Krug zerbrochen“, „Niemand hört zu“, „Niemand ist gerecht“.

Bei zwei Versteigerungen 2006 und 2015 war das bis dato unbekannte Stück unter den Hammer gekommen. Für 11 000 Euro hatte die Wienbibliothek letztlich den Zuschlag erhalten. Das Theater in der Josefstadt führt das Stück besonders werkgetreu auf: Mit allen 24 Rollen, und obendrein werden auch gleich Horvaths Regieanweisungen von den Schauspielern gesprochen. Was zunächst merkwürdig wirkt, verleiht dem dramaturgisch teils etwas luftigen Stoff am Ende mehr Dichte.

Angesichts der großen Not der Bewohner sind Prostitution und Mord nicht fern. Ausgerechnet ein Ring, mal aus Gold, mal aus Blech, mit der Gravur „Und die Liebe höret nimmer auf“, ist Anlass für Leid. Wirkliches Mitleid findet sich kaum im Stück. Fürchtegott Lehmann ist eher ein armer Wicht als ein Teufel, aber trotzdem sind Nähe und wahre Hilfe für ihn unerreichbar. Schließlich will er als Gehbehinderter sogar tanzen lernen – ein fantastisches Ziel als letztes Aufbäumen gegen das Schicksal.