Nato-Maulkorb für kritischen deutschen General

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Brüssel. Der deutsche Vier-Sterne-General Egon Ramms ist schon mehr als einmal durch öffentliche Kritik aufgefallen. Zuletzt durch ein Interview, in dem er die Afghanistan-Strategie des US-Militärs ins Visier nahm. Nun wurde eine Pressekonferenz Ramms abgesagt. Sollte das ein Zufall sein?

Auf den ersten Blick scheint der Vorgang - die Absage einer Pressekonferenz - belanglos. Weil die beiden deutschen Vier-Sterne-Generäle Karl-Heinz Lather und Egon Ramms, am selben Tag die Presse eingeladen haben, der eine ins Nato-Hauptquartier Mons, der andere ins niederländische Brunssum, hat letzterer kurzfristig ab gesagt.

Die US-Militärs sind verärgert

So die offizielle Nato-Auslegung. Tatsächlich steckt nach Informationen dieser Zeitung viel mehr dahinter: Ramms hat den wichtigsten Verbündeten, die USA, offenbar derart verärgert, dass man dem kritischen Bundeswehr-General nun einen Maulkorb verpasst.

Auslöser des handfesten Krachs hinter den Kulissen der heilen Nato-Fassade ist ein Afghanistan-Interview, das Ramms vor einer Woche dem „Stern“ gegeben hat. Seitdem ist die US-Generalität offenbar außer sich. Nicht nur der alliierte Oberkommandierende in Europa, US-General John Craddock, zeigte sich pikiert, auch die Spitzen des Brüsseler Hauptquartiers rümpfen die Nase. In dem umstrittenen Interview wirft Ramms dem US-Militär vor, immer wieder mit der Zahl getöteter Aufständischer aufzuwarten. Ramms wörtlich: „Das widerspricht jedem humanitären Denken. Wir töten doch nicht zum Selbstzweck!“

Ramms mahnt zu gesundem Menschenverstand

Afghanistan ist Schauplatz von zwei Militäroperationen: Da ist zum einen die internationale Schutztruppe Isaf, die – mit starker deutscher Beteiligung - in erster Linie den zivilen Wiederaufbau militärisch absichern soll. Demgegenüber hat die US-geführte „Operation Enduring Freedom“ (OEF) das Ziel, Aufständische zu verfolgen.

Über die OEF-Soldaten merkt Ramms im Interview kritisch an: „Wir sehen bisweilen Fehlentwicklungen, die weder gesundem Menschenverstand entsprechen noch rechtlich in Ordnung sind.“

Ziemlich unbeliebt macht sich Ramms auch mit seiner Vorstellung über die Stärke der Isaf-Truppen. Zwar fordert der General - wie schon so oft vorher – mehr Truppen am Hindukusch. Aber während die USA 25.000 Soldaten mehr verlangen, hält der deutsche Oberbefehlshaber – übrigens auf Grundlage offizieller Nato-Schätzungen - 8.000 bis 10.000 zusätzliche Soldaten für völlig ausreichend.

Nicht zum ersten Mal angeeckt

Es ist nicht das erste Mal, dass Ramms, seit 2007 Chef des Streitkräfteführungskommandos im niederländischen Brunssum, durch öffentliche Kritik auffällt. Der deutsche Heeresgeneral, weit und breit der einzige Nicht-Amerikaner in einer derartigen Nato-Top-Position, genießt den Ruf, ein leidenschaftlicher Soldat, ein Mann der Truppe zu sein, einer, der den aufrechten Gang pflegt und nicht im vorauseilenden Gehorsam die Hacken zusammenschlägt.

Wenn er wiederholt Versäumnisse im heiklen Afghanistan-Einsatz öffentlich anprangert, eckt er nicht nur Nato-intern an. Sein ständiger Appell, die Bundeswehr möge Einsatzbeschränkungen fallen lassen und vorübergehend auch im gefährlichen Süden Afghanistans mit anpacken, vergrault regelmäßig auch seinen alten Arbeitgeber, das Bundesverteidigungsministerium.

Zu Fuß in Afghanistan unterwegs

Was der deutsche General unter Gradlinigkeit versteht, demonstrierte er bei einem seiner vielen Afghanistan-Trips. So ging er etwa in Mazar-I-Sharif im Norden des Landes auf Fußpatrouille. Die strikte Weisung der Bundeswehr hingegen sieht vor, dass ihre Soldaten das Feldlager aus Furcht vor Anschlägen nur noch in gepanzerten Fahrzeugen verlassen dürfen.

Überrascht dürfte Ramms über die amerikanische Entrüstung nicht sein. Schon im letzten Frühsommer fing sich der Deutsche einen Maulkorb ein. Als er unmittelbar vor einem Nato-Ministertreffen in Brüssel zu einer Pressekonferenz eingeladen hatte, war seinen Vorgesetzten schon einmal der Kragen geplatzt. Auf Weisung von oben musste Ramms die Pressekonferenz daraufhin einen Tag vorher absagen.

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