Nächste Ausfahrt: Metropole

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Große Tagung der Sozialwissenschaftler in Bochum untersucht, was die Region zur Weltstadt braucht

Schalke macht es vor. Schalke ist Schalke. Und Gelsenkirchen. Und das Ruhrgebiet – und noch viel mehr. Der Fußballverein ist bundesweit bekannt, agiert europaweit, verpflichtet internationale Stars und ist doch tief verwurzelt in der Region. Schalke reicht von der Eckkneipe bis in die weite Welt. Für Soziologen ist das ein Musterbeispiel für „Glokalität”. Wofür?

Glokalität ist ein Kunstwort und meint: „Think global, act local”, also weltweit denken und lokal handeln. Schalke als Vorbild für das gesamte Ruhrgebiet, das Metropole sein will, doch eher wahrgenommen wird als Ansammlung von Orten, die zwar lokal handeln, doch auch genauso denken.

„Das Ruhrgebiet ist bestenfalls auf dem Weg zur Metropole”, sagt Professor Ludger Pries, Globalisierungsforscher und Sozialwissenschaftler an der Ruhr-Uni Bochum. Pries gehört zu den Initiatoren der großen dreitägigen Konferenz „Strukturwandel zu Metropolen?” mit internationaler Beteiligung, die eine Standortbestimmung des Ruhrgebiets versucht und es mit den „echten” Metropolen der Welt vergleicht. Dabei werden Themenfelder abgeschritten, die allesamt den Kern der Region, seine Geschichte und Identität berühren und daraufhin abgeklopft werden, ob sie dem Ruhrgebiet dazu verhelfen, internationale Ausstrahlung zu gewinnen, oder es womöglich daran hindern.

Da kümmern sich Arbeitsgruppen und Vorträge etwa um Karrierechancen und betriebliche Personalpolitik, um Alterung und Demographie, Kultur und Kreativwirtschaft. Es geht um soziale Probleme, Religionen, Medien, Migration, Hochschulen und Wissenschaft – und natürlich um Fußball: „Schafft und stärkt der Revierfußball eine regionale Identität?” lautet die Frage, wenn Soziologen ins Stadion gehen. Kurz: Geplant ist nicht weniger als eine gesellschaftliche Positionsbestimmung des Ruhrgebiets zu einem Zeitpunkt, da es das Kohle- und Stahlkapitel fast abgeschlossen hat, um sich aufzumachen. . . Ja, wohin?

New York. New York, findet Ludger Pries, könnte ein Vorbild abgeben. Nicht als Blaupause, aber abgucken könne man sich etwas: „In den 80er-Jahren war das eine Pleitestadt, hohe Arbeitslosigkeit, Kriminalität. Heute ist sie ein Magnet, auch wegen Kultur und Kunst.” Wer als Kulturschaffender auf sich hält, muss nach New York. Oder Bilbao, das ein viel zu kostspieliges Museum baute und seither international Aufsehen erregt. Man spricht schon vom „Bilbao-Effekt”. Wo bleibt der Ruhrgebiets-Effekt?

„Man muss etwas riskieren, über seine Möglichkeiten gehen, Zeichen setzen, Begeisterung wecken, Potenziale mobilisieren”, sagt Pries. Er bringt es auf eine Formel: „Es geht um den Wandel von der Kultur der Produktion zur Produktion von Kultur.” Eine Metropole, die modern ist, produziert nicht nur Anlagen und Maschinen sondern Wissen und Ideen. Und da ist sie wieder, die „Glokalität”, der im Ruhrgebiet der erste Buchstabe fehlt. „Und das liegt an der verbandelten, lehmschichtigen Kommunalpolitik”, deren Visionen oft an der jeweiligen Stadtgrenze enden.

Stolz kann helfen

Man will nicht ungerecht werden, vieles hat die Region bereits erreicht, gerade im kreativen Bereich. Doch was hilft dem Ruhrgebiet außerdem auf seinem Weg zur Metropole? Die Wirtschaft natürlich, die Wissenschaft, die Hochschulen, gute Freizeitangebote – und Stolz. Denn das alles muss ja in die Köpfe und die Herzen der Menschen. Das ganze Ruhrgebiet! „Wenn nicht 80 Prozent der New Yorker stolz wären auf ihre Stadt, wäre es keine Metropole”, meint Pries.

Worauf wären die Ruhrbürger stolz? Wenn der Kettwiger kein Essener, der Wattenscheider kein Bochumer und der Bueraner kein Gelsenkirchener sein will? Nächste Ausfahrt: Metropole. Ein Stück Weg liegt aber noch vor uns.

Vom 28. bis 30. September findet in Bochum die Konferenz „Strukturwandel zu Metropolen?” statt, also am „Vorabend" des Jahres der Kulturhauptstadt „Ruhr.2010”. Sie wird veranstaltet von einem Verbund der Soziologen der vier Universitäten Ruhr-Uni Bochum, TU Dortmund, Duisburg-Essen und der Fern-Universität Hagen im Namen der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DGS). Ziel der Konferenz ist, den grundlegenden Wandel von Organisation, Kultur und Produktion in Metropolen zu untersuchen sowie den mit dem Thema befassten Praktikern in Verwaltung, Betrieben, Schulen und Hochschulen Aufschlüsse zu liefern.

Infos: www.soziologie.de

 
 

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