Musik war ihm Dichtung, Malerei, Philosophie

Hajo Berns

Als sich im Oktober 1985 die Nachricht vom Tod des Pianisten Emil Gilels verbreitete, war die Musikwelt geschockt. Wohl niemand hatte das plötzliche Ende vorausgesehen. Noch wenige Wochen vorher hatte der damals 68-jährige Russe in Helsinki auf der Bühne gesessen und ein Programm mit Scarlatti-Sonaten, Debussys „Pour le piano“ und der aberwitzig schweren Hammerklavier-Sonate des späten Beethoven bewältigt.

Er hatte sich nach seiner Rückkehr nach Moskau wegen „Unwohlseins“ ins Krankenhaus begeben müssen. Aber auch da war sich wohl niemand des Ernstes der Lage bewusst. 2016 wäre Emil Gilels 100 geworden. Anlass für eine schöne CD-Box: „The Complete RCA And Columbia Album Collection“. Von der im Laufe seiner ersten USA-Tournee 1955 entstandenen, bereits stereofonen Aufnahme des 1. Klavierkonzerts von Tschaikowsky mit Fritz Reiner am Pult des Chicago Symphony Orchestra bis zur erneuten, diesmal bereits digitalen Einspielung des Werks unter Zubin Mehta mit dem New York Philharmonic Orchestra im November 1979 mit dem damals 63-jährigen Gilels spannt sich der zeitliche Bogen der 7-CD-Edition.

Vom Ungestümen in die Tiefe

Die beiden Aufnahmen des berühmten Tschaikowsky-Konzerts laden natürlich zu Vergleichen ein: nicht nur zwischen den Dirigenten, die jeder auf ganz eigene Weise verstehen, bei aller pianistischen Brillanz dem Orchesterpart hinreichend Geltung zu verschaffen.

Interessant ist aber auch der Vergleich des früheren mit dem späteren Gilels: Wo die Einspielung des 39-Jährigen im ungestümen Zugriff durch und durch der Vorstellung eines Virtuosentums russischer Schule entspricht, ist 24 Jahre später – bei gar nicht so arg reduzierter Vehemenz – eine Aufwertung des lyrischen Elements spürbar, mehr gedankliche Tiefe als oberflächliche Effekte, wenn man so will. Gilels selbst hat das ja einmal so beschrieben: „Früher gefiel mir alles Virtuose. Später verstand ich allmählich, wie viel Musik mit Dichtung und Malerei zu tun hat, und mit diesem großen Wort – Philosophie.“

Er war eine Institution

Für die heutige ältere Hörer-Generation war Gilels eine Institution und weit mehr, als sich die Bewunderer manch heutiger Tastencharmeure vorstellen mögen. Wie haben wir damals Joachim Kaisers Klavierbibel „Große Pianisten in unserer Zeit“ verschlungen. Und spätestens wenn man im Zusammenhang mit der berühmten, gefürchteten Oktavenstelle aus Liszts h-Moll-Sonate Kaisers Behauptung las, „nur Gilels kommt da in Horowitz‘ Nähe“, war man neugierig geworden.

Wer die von Kaiser angesprochene Moskauer Einspielung von 1961 besitzt, kann sie mit der gut drei Jahre später entstandenen New Yorker Aufnahme in der vorliegenden Box vergleichen. Gilels‘ überwältigende Fähigkeit, virtuose Zuspitzungen immer auch im großformalen Zusammenhang erleben zu lassen, ist in beiden Fällen spürbar, wobei die New Yorker Aufnahme durch größere manuelle Präzision besticht.

Auch weitere Interpretationen verdienen Interesse: Brahms‘ 2. Klavierkonzert (mit Reiner), Chopins 1. Konzert (mit Eugene Ormandy) oder die einzigen Schubert-Sonaten, die Gilels je eingespielt hat: a-Moll D 784 und die meist eher gemiedene „Gasteiner“. Was die Box natürlich nicht enthält, nicht enthalten kann, sind die wunderbaren Beethoven-Aufnahmen des späten Gilels. Die erschienen bei der Deutschen Grammophon. Als Gilels gestorben war, blieb sein Beethoven-Zyklus unvollendet. Wichtige Werke wie die letzte Sonate konnte der große Pianist nicht mehr einspielen.