Kraftwerks Zug in die Zukunft

Essen. Verspätet fahren die Düsseldorfer Techno-Pioniere von "Kraftwerk" mit ihren acht Alben ins digitale Zeitalter ein. Wer eine Karte löst, erhält nur Werke erster Klasse – und einen kleinen Zuschlag.

Man stelle sich vor, unser mobiler Fernsprechverkehr würde nicht über Handys, sondern tragbare Bakelit-Telefone mit Wählscheibe abgewickelt und hinter jedem Geldautomaten säße ein Kassierer, der die abgezählten Scheine mühsam durch den Schlitz bugsieren müsste. Und genauso unzeitgemäß erscheint, dass die Musik einer Band, die wie keine andere für SciFi-Pop und Tonpräzision steht, bislang nicht fürs digitale Zeitalter aufbereitet wurde. Fast könnte man glauben, die Fab Four der elektronischen Musik wären von der technischen Entwicklung überholt worden . . .

. . . wenn sich die Plattenfirma EMI nicht endlich erbarmt hätte, die legendären acht Alben der Düsseldorfer Techno-Pioniere einem Lifting zu unterziehen. Man könnte auch sagen: Die „Autobahn” ist neu geteert, „Die Roboter” wurden ins Ölbad getaucht und „Das Model” stöckelt im frisch gebügelten Fummel über den Laufsteg. Gut, dass Kraftwerk die Überarbeitung ihrer Meisterwerke im eigenen Kling-Klang-Studio überwacht haben. Die gängige Unsitte, die Lautstärke beim Remastering-Prozess auf Kosten der Dynamik und einer sauberen Definition nach oben zu schrauben, konnte so im Vorfeld ausgebremst werden. Stattdessen klingt's jetzt klar und fast unmenschlich gut. Also so, wie es immer hätte klingen sollen.

Die rheinischen Mensch-Maschinen

Muss der Fan, der bereits alle seit den 80er Jahren fabrizierten CDs der rheinischen Mensch-Maschinen besitzt, jetzt noch einmal in die Tasche greifen? Ja und nein. Bei Spätwerken wie „The Mix” oder „Tour de France” fällt der Unterschied marginal aus. Je weiter man aber in der Bandgeschichte zurückgeht, desto ohrenfälliger wird der Kontrast. Die vielleicht größte Überraschung: Das 1986er Opus „Electric Cafe´” hat eine neue Tasse im Schrank. „Techno Pop” heißt das Album nun und weist mit „House Phone” einen Bonus-Song aus. Nicht minder verblüffend ist, dass die Kontroll-Freaks rare Fotos aus der jeweiligen Ära für die Booklets freigegeben haben.

Fazit: Die Überarbeitung der acht Alben war überfällig, ist aber fraglos gelungen. So ist jetzt ein unverstellter Blick auf das Genie der Ton-Futuristen möglich, die der Techno-Bewegung Beine machten und den NDW-Sound vorwegnahmen. Das „Kraft-Werk” darf nun sein, was es immer war: Zukunftsmusik von gestern fürs Heute.

 
 

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