Immer mehr Grundschüler bekommen Nachhilfe

Silke Hoock
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Oberhausen. Seit Grundschüler ein Empfehlungsschreiben für eine weiterführende Schule brauchen, schicken Eltern ihre Kinder immer früher in den Nachhilfe-Unterricht. Der Lehrerverband warnt vor Frust beim Lernen.

„Das Zeugnis muss gut werden. Sonst hat sich die Zukunft erledigt”, begründet Anne Kusenberg, warum Tochter Stacey auch in ihrer Freizeit einen vollen Stundenplan hat. Zweimal in der Woche wird die Achtjährige in den Fächern Deutsch und Mathe auf die Spur gebracht. Doch der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes Josef Kraus warnt vor den Folgen, „immer nur das Beste fürs Kind” zu wollen: „Viele Kinder schieben Frust.” Kraus, der 15 Jahre lang als Schulpsychologe arbeitete und heute ein Gymnasium leitet, betrachtet Nachhilfe kritisch.

Verantwortlich für den Zulauf sei eine Politik des Beschleunigungswahns. Einschulung, verkürztes Gymnasium (G8) und strafferes Studium legten den Grundstein für eine Biografie, die ausschließlich Nutzungseffekten untergeordnet sei. „Häufig läuft die Seele hinterher”, sagt Kraus. Es sei nicht optimal, Kinder „zu boxen” – zum Gymnasium und später ins Studium. So gebe es nunmal Spätzünder und solche, die nicht für eine akademische Laufbahn geeignet seien. „Heute fühlen sich Schüler automatisiert. Als Objekte, die funktionieren müssen.”

Gefragt sind Kurse zum „Lernen lernen”

Dass es zunehmend Grundschüler trifft, die zum Teil trotz guter Noten Nachhilfe erhalten, bestätigt der kommerzielle Anbieter „Studienkreis”. Nach Angaben des Nachhilfe-Instituts, das bundesweit 70 000 Schüler betreut, werden verstärkt Konzentrationskurse nachgefragt, bei denen es um systematisches Lernen geht. Nach den Sommerferien führt das Institut an 50 Standorten in Deutschland „Kinderlernwelten” ein – für Kinder ab 6 Jahren. Auch der Konkurrent „Schülerhilfe” bietet „Lernen lernen” an, „die Eltern gucken heute eher hin”, sagt Deutschland-Sprecherin Marion Lauterbach.

Nach Angaben des Forschungsinstituts „Synovate” hat jeder vierte Schüler schon einmal Nachhilfe bekommen. Demnach sind fast 40 Prozent aller Nachhilfeschüler nicht akut in der Schule gefährdet, sondern möchten ihre ausreichend guten Noten möglichst verbessern. Diese Ergebnisse ermittelte das Institut in einer Repräsentativ-Befragung von 1325 Schülern im Alter von 6 bis 18 Jahren.

"Wo sind die Eltern?"

„Wo sind die Eltern? Warum kümmern sie sich nicht? Statistisch gesehen haben sie weniger Kinder, mehr Freizeit und mehr Zeit, um ihre Kinder zu begleiten”, kritisiert der Präsident des Lehrerverbandes Kraus. Eltern machten sich etwas vor: Statt sich intensiv zu kümmern, meldeten sie die Kinder zur Nachhilfe an. Unter dem Deckmäntelchen der professionellen pädagogischen Hilfe verstecke sich das schlechte Gewissen.

Das sieht Anne Kusenberg ganz anders. Sie erzählt, warum sie für ihre Tochter Stacey professionelle Unterstützung bevorzugt, statt sich selbst mit der Achtjährigen hinzusetzen: „Wir haben versucht, ihr etwas beizubringen. Aber wir hatten keinen Erfolg.” Man sei zu ungeduldig und ein Profi vermittele eben professionell. Bei der kleinen Stacey hat die inzwischen ein Jahr währende Nachhilfe den gewünschten Erfolg gebracht: In Deutsch hat sich ihre Zensur um eine ganze Note verbessert.

"Aktionismus ist in - und Geduld keine Tugend"

Doch Nachhilfe, da ist Pädagoge Josef Kraus überzeugt, „ist nur gut, wenn die Defizite überschaubar sind”. Wenn klar sei, dass zwei oder drei Monate ausreichten, um Probleme zu beseitigen. „Sonst ist es sinnvoll, eine Klasse zu wiederholen oder die Schulform zu wechseln.” Doch bevor es zur Nachhilfe komme, müsse jedes Kind individuell analysiert werden. Ist die Konzentration schlecht, führen falsche Lerntechniken zu einem Leistungsabfall, gibt es familiäre Probleme? „Solange keine Ursachenforschung betrieben wird, bringt Nachhilfe nichts.”

Kraus führte die mediale Beeinflussung als einen der Gründe dafür an, warum Kinder Konzentrationsschwierigkeiten haben können. Die Reizpalette sei riesig, was am meisten Action biete, komme am besten an. „Das wird auch in Elternhäusern gepflegt. Aktionismus ist in. Und Geduld keine Tugend.”