"Ich zweifele an der Klima-Katastrophe"

Essen. Niemand bürstet so lustvoll gegen den Strich wie Trendforscher Matthias Horx. Im WAZ-Interview klagt er über Zukunftspessimismus, verkannte Chancen der Krise, Zweifel an der Klima-Katastrophe und darüber, wie linkes Dagegensein und rechte Rückwärtsgewandtheit sich aufs Schönste verbinden.

„Warum die Welt nicht schlechter wird“, heißt es im Untertitel ihres heutigen Vortrags in Essen. Das müssen Sie mal erklären. Wenn Sie 100 Menschen fragen, sagen 90, aber klar wird die Welt täglich schlechter.

Matthias Horx: Deshalb muss es noch lange nicht stimmen. Wenn man sich etwas intensiver mit den großen, globalen, langfristigen Trends beschäftigt, wird schnell deutlich, dass die historische Entwicklung unterm Strich positiv ist. Natürlich gab und gibt es Rückschläge, es gibt vor allem in anderen Kontinenten noch existentielle Armut, aber dass wir heute in einer anderen Welt leben als vor 100 Jahren - und zwar in einer besseren, was Lebenserwartung, Bildung, Lebenschancen und allgemeinen Wohlstand angeht -, das ist doch offenkundig. Denken sie nur, welche Erfolgsgeschichte Europa heute hinter sich hat. Man fragt sich natürlich, warum die allgemeine Wahrnehmung eine derart andere ist.

Ja, warum? Der Blick zurück in die Geschichte könnte doch wirklich zum Optimismus verleiten.

Horx: Die Annnahme, dass die Welt den Bach heruntergeht, ist uns offensichtlich näher, sie bringt offenbar echte Vorteile. Journalisten zum Beispiel können mit einer negativen Botschaft erheblich mehr Aufmerksamkeit erlangen als mit einer positiven. Wir sprechen auch vom „Alarmismusvorteil“: Wer die Welt mit düsteren Farben malt, dem ist Aufmerksamkeit gewiss.

“Bad news are good news”, wie man in der Branche sagt.

Horx: So ist es. Aber warum ist das so? Erstens sind die Medien heute in einer brachialen Konkurrenz-Situation, in der die entscheidende Knappheit die Aufmerksamkeit des Publikums ist. Zweitens interessieren wir uns auch deshalb für Katastrophen, weil wir selbst verschont wurden. Es gibt so etwas wie einen „apokalytischen Voyerismus“. Und daraus entsteht ein schiefes Weltbild. Wenn sie Leute fragen, wie geht es Ihnen persönlich, dann sagen die meisten: eigentlich gut! Ihre Stadt oder Gemeinde? Eigentlich ganz prima! Dem Land geht es schon deutlich schlechter und dem Rest der Welt richtig dreckig. Das ist so etwas wie ein „autistischer Selbstwohlfühl-Effekt“: Wir erzielen durch solche Sichtweisen einen Gewinn für unser Selbst-Erleben. Schließlich gibt es auch ein typisch deutsches Angsthasentum, dessen Wurzeln in unserer Mentalität und Geschichte liegen – das ist hierzulande fast so etwas wie ein medial geförderter Breitensport.

Nun gut, aber dass wir übermäßig Grund zum Optimismus hätten, erscheint in der derzeitigen Finanzkrise wirklich absurd.

Horx: Das sehe ich differenzierter. Finanz- und Wirtschaftskrisen sind zunächst mal eine Konstante der Ökonomie. Es gab sie immer, das können Sie bis ins alte Ägypten zurückverfolgen. Wirtschaftskrisen, so hart sie vorübergehend für den Einzelnen sein mögen, leiten letztlich unverzichtbare Erneuerungsprozesse ein, sie führen zu einer höheren Innovationsrate. Die jetzige Krise lässt sich auch als Ende eines 20-jährigen Booms lesen, in dem viele Unternehmen ihr Geschäft einfach aufgebläht statt innovativ verändert haben. Denken Sie an die Autokonzerne, die immer schnellere, immer schwerere Autos bauten statt intelligentere; oder der Handel mit seinen immer größeren Läden und immer spottbilligeren Preisen, ganz zu schweigen von den Banken mit ihren bizarren Derivaten. Jetzt plötzlich können wir über Innovationen reden, die lange Zeit keiner ernst genommen hat. Alle mögen jetzt Elektroautos, selbst die Automanager sind ganz begeistert davon. Das nenne ich den „Krisen-Segen“.

Die Krise als Chance – das klingt zynisch.

Horx: Das ist wie im persönlichen Leben. Ein Leben ohne jedes Scheitern und ohne Krise ist doch meist sehr dröge und langweilig. Eine Krise zu bewältigen, ist eine enorm wichtige Erfahrung, sie führt zu geistigem UND materiellem Wachstum.

Sie sehen eine Ära kommen, die Sie Softkapitalismus nennen. Was ist das?

Horx: Wir beobachten seit Jahrzehnten den Wandel von einer produktionsorientierten Ökonomie hin zu einer wissensgestützten, und dabei verändern sich auch die kulturellen Formen des Kapitalismus. Das Humankapital ist in einer Industriegesellschaft nicht so wichtig, da können sie Arbeiter einfach austauschen. Aber je komplexer die Wirtschaft wird, desto wichtiger wird auch der „Faktor Mensch“. Das ist auch einer der Gründe, weshalb die Unternehmen in dieser Krise viel weniger Personal abbauen als in früheren vergleichbaren Phasen. Man will die Leute halten, weil man mehr und mehr auf sie angewiesen ist. Das zeigt, dass es in Richtung auf einen „softeren“ Kapitalismus geht, eine Marktwirtschaft, in der die Arbeitskraft nicht mehr nur eine Ware ist. Wir erleben gleichzeitig eine Rückkehr des Staates und eine neue Werte-Debatte, in der sich die Menschen fragen, ob das Streben nach immer mehr Materie eigentlich den „heißen Kern“ einer Gesellschaft ausmachen kann.

Und was wäre die Alternative?

Horx: Der Trend weg vom Tonnagedenken, hin zum qualitativen Wachstum muss noch viel stärker werden. Ein Beispiel: Wir können nicht verhindern, dass Milliarden aufsteigende Arme in der globalen Ökonomie, in den Schwellenländern, ebenso Auto fahren wollen wir wir. Und wir müssen es so hinkriegen, dass das nicht den Planeten ruiniert. Das bedeutet, wir brauchen Energie- und Mobilitätssysteme jenseits von Öl und Gas. Es geht nicht mehr länger um Schneller-mehr-lauter-bunter, wenn wir an Innovation denken. Zukunfts-Innovation heißt: systemischer, menschlicher, eleganter - smarte Technik, die dem Menschen hilft.

Das setzt starke Veränderungen in den Köpfen voraus.

Horx: Aber es sind auch viele Menschen auf dem Weg dorthin. Ich treffe zurzeit viele Menschen auch aus dem Big Business, die sich sehr ernsthaft fragen: Muss ich mein Leben ändern? Was können wir in Zukunft anders machen? Wie können wir diese Prozesse einer „smarten Technik“ vorantrieben? Das sind interessante Signale.

Andererseits konstatieren Sie aber auch einen „Biedermeier-Bolschewismus“. Das hört sich weniger freundlich an.

Horx: Wir können sehen, dass sich die alten, schon überwunden geglaubten Ideologien wieder Bahn brechen. Und es gibt diese große Harmoniesehnsucht gerade in Deutschland, die bei ökonomischen Umbrüchen wieder hochkommt. Die moralinsaure Debatte, die viele Medien beherrscht, führt nur menschliche Opfer vor – der arme Arbeitslose, der vom bösen Kapitalismus entlassen wurde. Das führt dann zu einer völlig unterkomplexen Analyse nach dem Motto: Wenn der Staat sich den Problem annimmt, dann wird alles wieder prima. Ich nenne dieses Phänomen deshalb Biedermeier-Bolschewismus, weil es eine Mischung aus Spießertum und „Dagegensein“ ist. Das Schlechte von 68, das nörgelnde Dagegensein, hat sich mit dem Schlechten der Konservativ-Kultur, dem Rückwärtsgewandten, zusammengetan. Heraus kommt ein reaktionäres Linkssein. Alles soll wieder so „sicher“ werden, wie es angeblich früher war, und auf keinen Fall darf sich etwas verändern.

Die Leute wollen eben gerne, dass alles bleibt wie es ist. Das ist doch menschlich.

Horx: Das Problem ist nur, es funktioniert nicht. Eine Gesellschaft wie unsere braucht Wandel, um existieren zu können. Sicherheit können wir nur in Veränderung erzeugen. Diese Veränderung muss ja nicht immer radikal sein, aber jeder muss auch seinen Teil dazu beitragen, dass unsere Gesellschaft schlauer, gebildeter, menschlicher werden kann. Wir haben alle Barack Obama bewundert, und wie die amerikanischen Gesellschaft seinen Willen zum Neuanfang aufgegriffen hat. Yes, we can – das ist die Formel einer Hoffnung, die besagt: Eine bessere Gesellschaft ist möglich! Wir können aus Fehlern und Unzulänglichkeiten lernen! Warum ist so etwas nicht in Deutschland möglich? Eine Zukunfts-Gelassenheit, statt dem ewigen Geschrei?

Diesen Impulswollen Sie anscheindend nach Kräften fördern?

Horx: Genau, es geht mir als Zukunftsforscher nicht so sehr um Prophezeiungen, eher darum, die Zukunft als gestaltbare Aufgabe darzustellen. Das ist hierzulande schon eine Titanenaufgabe.

Apropos Zukunft: In nächster Zeit werden uns wieder einige Klima-Konferenzen heimsuchen. Für einen Zukunfts-Optimisten wie Sie eine schreckliche Zeit, oder?

Horx: Zum Verständnis: Ich sage nicht, es gibt keinen menschlich bedingten Klimawandel. Ich zweifele lediglich an der Klimakatastrophe. Das ist ein entscheidender Unterschied. Klimatischen Wandel gibt es aber in der Geschichte der Erde seit vielen Millionen Jahren, oft kam er kurzfristig, oft innerhalb langer Perioden. Wir müssen damit leben. Wir müssen adaptiv sein.

Wieso haben Sie es dann zu einem Lieblingsgegner der deutschen Klima-Päpste gebracht?

Horx: Ich habe den apokalyptischen Droh-Zeigefinger etwas beleidigt. Von Wolf Lotter, dem Autor des Buchs „Die Kreative Revolution“ stammt das schöne Zitat: „Sehet, der Untergang kommt! Tuet Buße! Diese Phrase bedeutet damals wie heute: Her mit Eurer Kohle!“ Ich glaube einfach nicht, dass die Erwärmung in jener katastrophalen Form stattfindet wie es uns weisgemacht wird. Heute ist ja jede ungewöhnliche Wetterlage angeblich Vorbote einer Katastrophe, was ich für medial aufgebauschten Unsinn halte. Zweitens bin ich der Meinung, dass wir als technische Kultur durchaus in der Lage sind, Neue Technologien zu erfinden, um die Effekte des CO2 abzuschwächen. Wir müssen zum Beispiel in der Tat umsteigen auf neue, postfossile Energieformen. Nur: Ich traue uns das zu. Damit schere ich natürlich aus der apokalyptischen Rhetorik aus, mit der man die Menschen so schöne Schuldgefühle machen kann.

Aber vielleicht ist Angst gar kein so schlechter Ratgeber, vielleicht entsteht so erst Handeln.

Horx: Manchmal mag das stimmen, aber ungerichtete und exzessive Angst zerstört unsere Fähigkeit zum vernünftigen und zielgerichteten Handeln. Die ständige apokalyptische Berieselung hat einen kontraproduktiven Effekt. Je mehr man die Leute erschreckt, desto weniger handeln sie – wieso soll ich etwas tun, wenn sowieso alles zum Teufel geht? Schauen Sie, wie viele große Katastrophen sind schon durch unsere Angstkathedrale getrieben worden! Ich erinnere ans Waldsterben, Atomtod, Schweinegrippe, Rinderwahnsinn, tödliche Flüssigeier in Nudeln, an Spermasterben, den Krieg der Generationen, das Überrollen Europas durch den Islamismus, an Überalterung, Vergreisung und Gammelfleisch, an ganze Heerscharen von apokalyptischen Reitern, die jetzt in den Museen verstauben. Einige von diesen Ängsten haben sich als prima Instrumente des Rechtpopulismus herausgestellt, was auch einiges über ihre Qualität sagt.

Stimmt das alte Klischee, wonach in Deutschland alles schlimmer ist, Stichwort „German Angst“?

Horx: Viele Ängste sind anthropologisch bedingt. Als Spezies sind wir nun einmal sensibel gegenüber der Umwelt, wir fürchten uns seit Tausenden von Jahren vor Fluten, Trockenheiten, eben Klimaveränderungen. In Deutschland verbindet sich das Alles aber auch noch mit historisch gewachsenen Ängsten, die mit der deutschen Geschichte zusammenhängen: das Trauma des Totalverlusts von Wohlstand und Zivilisation in den furchtbaren Kriegen des 20sten Jahrhunderts ist tief im kollektiven Bewusstsein verankert. Wir trauen dem Frieden nicht und auch nicht dem Fortschritt. Dieses Misstrauen pflanzt sich fort von Generation zu Generation. Es dauert eine ganze Weile bis der neurotische Teil der Ängste abgebaut ist. Eigentlich lässt sich erst dann ein realistisches, unvoreingenommenes Bild von der Welt und ihrem Wandel gewinnen. Und ein spannender Blick in die Zukunft.

Matthias Horx, Jahrgang 1955, ist Trend- und Zukunftsforscher. Er arbeitete 15 Jahre als Journalist, bevor er sich mit seinem „Zukunftsinstitut“ bei Frankfurt/M der prognostischen Wissenschaft zuwandte. Aus seiner Feder stammen zahlreiche Bücher, unter anderem „Wie wir leben werden“ und „Technolution – die Evolution der Technologie“.

 
 

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