Freiwilliges Jahr als Ausweg

Der Präsident des Deutschen Roten Kreuzes, Ex-Bundesinnenminister Rudolf Seiters, will um den Erhalt des Zivildienstes kämpfen. Wird der kürzer, müsse der Bund dies „zwingend” ausgleichen, sagt er im WAZ-Gespräch.

Die Deutschen sind spendenfreudig. Auch noch in der Wirtschaftskrise?

Rudolf Seiters: Das Deutsche Rote Kreuz hat vier Millionen Mitglieder und viele treue Kleinspender. Jedes Jahr sammelt der Bundesverband rund 30 Millionen Euro an Spenden. Diesen Wert werden wir wohl auch in diesem Jahr erreichen. Bei der einen oder anderen Großspende sind die Auswirkungen der Krise natürlich zu spüren. Aber bitte sehen Sie auch die ehrenamtliche Hilfe, unseren Stamm von Blutspendern. Die Zahl der Blutspenden liegt stabil bei 3,5 Millionen. Wir haben eine gute Entwicklung beim Jugend-Rotkreuz und bei den Schulsanitätsdiensten. Man muss allerdings werben . . .

Auch, weil auf die freien Wohlfahrtsverbände neue Aufgaben zukommen? Die Armut wächst. Die Gesellschaft altert schnell.

Deutschland ist nach wie vor ein reiches Land. Unsere sozialen Probleme konzentrieren sich aber auf zwei Bereiche: Die Zahl der Kranken und Pflegebedürftigen nimmt dramatisch zu. Hier wird der Staat mehr als bisher auf die ehrenamtliche Hilfe der humanitären Organisationen angewiesen sein. Besondere Sorgen macht uns aber die Kinderarmut vor allem in den großen Städten. Hier haben wir Erwartungen auch an die Bundesregierung.

Wie weit gehen die?

Sie reichen von der flächendeckenden flexiblen Kindertagesbetreuung über Schulspeisung in allen Schulen bis zur Forderung, dass Lehr- und Lernmittel allen zugänglich sind – unabhängig vom Einkommen der Eltern. Der Staat und auch die Gesellschaft müssen wissen, wo sie in dieser Situation die Prioritäten setzen, wir als Rotes Kreuz setzen sie in 1200 Kindertagesstätten mit 90 000 Plätzen, in 70 Einrichtungen zur Heimerziehung, mit 9000 jungen Leuten im freiwilligen sozialen Jahr und 8000 Zivildienstleistenden. Da sind wir an dem Punkt, wo uns der Staat zwingend entgegenkommen sollte.

Der Staat plant, Wehr- und Zivildienst zu kürzen.

Der Zivildienst ist nicht nur ein sozialer Lerndienst. Unsere Zivildienstleistenden sind erfolgreich tätig im Rettungswesen, in der Altenpflege, bei der Betreuung behinderter Kinder. Wenn sie weiter erfolgreich sein sollen, dann brauchen die jungen Männer Zeit zur Einarbeitung und Qualifizierung. Die wird nach einer Verkürzung nicht mehr da sein. Der Staat muss also die Folgen tragen, denn die Dienstleistungen können ja nicht einfach wegfallen.

Wäre der Ausbau des sozialen Jahres ein Ausgleich?

Wenn dieser Koalitionsbeschluss umgesetzt wird, brauchen wir eine – auch finanzielle – Kompensation seitens der Bundesregierung durch attraktivere freiwillige Dienste.

2004 raste der Tsunami über Asien. Für Hilfsorganisationen war es eine enorme Herausforderung. Sehen Sie ähnliche durch den Klimawandel in der Zukunft?

Der Tsunami vor fünf Jahren hat in einer unglaublichen Weise die Herzen der Menschen berührt. 125 Millionen Euro wurden gespendet für den Wiederaufbau von Häusern, Krankenhäusern, Schulen und vielen anderen nachhaltigen Projekten. Heute müssen wir sagen: Der Klimawandel ist der Tsunami von morgen.

Ein starker Vergleich . . .

Aber zutreffend. Die Zahl der wetterbedingten Katastrophen ist innerhalb von zehn Jahren dramatisch gestiegen – von 200 pro Jahr auf mehr als 350. Bis 2015 wird die Zahl der Betroffenen von 243 Millionen Menschen jährlich auf 375 Millionen Betroffene ansteigen. Das Risiko unterentwickelter Staaten, von Wirbelstürmen, Hurrikans und Überschwemmungen getroffen zu werden, ist 46 Mal höher als in den entwickelten Ländern. Deshalb ist das Ergebnis des Klimagipfels von Kopenhagen ja so enttäuschend.

Was muss jetzt geschehen?

Mindestens zehn Prozent der Hilfen, die die EU den unterentwickelten Regionen zusagt, müssen in die Katastrophenvorsorge fließen. Sie muss zentraler Bestandteil der Entwicklungspolitik der Bundesregierung werden. Sie sollte dabei die Erfahrungen der humanitären Hilfsorganisationen nutzen.

 
 

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