Experiment am Menschen

Foto: ddp

Zwei Sachverständige begutachten im Prozess um die Wegberg-Klinik, was Zitronensaft in offenen Wunden bewirken kann

Wenn zwei Sachverständige, zwei Professoren, vor Gericht gehört werden, dann mag es sein, dass derjenige mit dem größeren Show-Effekt präsenter wirkt. Das ändert jedoch nichts an dem, was Professor Sebastian Lemmen, gestern – in wenn auch zurückhaltender Manier - vorträgt: Zitronensaft als Wunddesinfektion nach Operationen zu verwenden, „das hat experimentellen Charakter am Menschen”. So Lemmen, der am Uniklinikum Aachen als Spezialist für Krankenhaushygiene tätig ist.

Zwölfter Tag im Mönchen-gladbacher Prozess um einen der größten deutschen Klinikskandale, der dem Ex-Chef der Klinik in Wegberg, Arnold Pier, den Tod von sieben Patienten und schwere Körperverletzung in insgesamt 18 Fällen vorwirft. Der 53-jährige Pier, der das St. Antonius-Krankenhaus 2006 erworben hatte, habe es einem strengen Wirtschaftlichkeitspostulat unterworfen, habe frisch gepressten Zitronensaft statt steriler Lösungen verwendet, habe auf Antibiotikumgaben verzichtet und unnötig operiert.

Nirgendwo in der Literatur als Antiseptikum erwähnt

Gestern also stehen sich zwei Sachverständige gegenüber, die dem Gericht helfen sollen, den Einsatz von Zitronensaft zur Wunddesinfektion einzuschätzen. Der eine, von der Staatsanwaltschaft bestellt, ist ein Mediziner, eben Prof. Lemmen, der keinen Zweifel daran lässt, was er von Piers bevorzugtem Mittel hält. „Zitronensaft wird nirgendwo in der Literatur als Wundantiseptikum erwähnt. Wenn der Saft in eine Wunde gegeben wird, muss man davon ausgehen, dass er Gewebe schädigt”. Lemmen spricht zunächst sogar von Verätzungen.

Und so wie der Zitronensaft gepresst worden sei, eben unter Bedingungen ganz wie in einer Küche, könne er nicht steril gewesen sein, müssten mit ihm Bakterien in die Wunde eingebracht worden sein.

Im Fall der 80-jährigen Margarethe W., die wegen gutartiger Polypen im Darm eingeliefert worden war, endete dies tödlich. Eine Zeugin, die Krankenschwester W., hatte ausgesagt, die Zitronen seien mit Fruchtfleisch und Kernen ausgepresst, in eine Spritze aufgezogen und auf offene Wunden gegeben worden.

Doch Lemmens Ausführungen über nicht sterilen Zitronensaft steht an diesem Morgen der Vortrag eines anderen gegenüber. Prof. Peter Philippsen ist als Mikrobiologe an der Universität Basel tätig und wurde zunächst von Pier selbst angesprochen, ein Gutachten anzufertigen. Philippsen jedenfalls bittet, für seinen Vortrag im Gerichtssaal stehen bleiben zu dürfen, um dann publikumswirksam Zitronen hoch zu halten und sich Weintrauben in den Mund zu stecken. Resümee´ von Philippsens Ausführungen: In drei Tests unter unterschiedlichen Bedingungen teilte und presste er Zitronen, testete sie auf Bakterienwachstum. Der Saft sei immer „steril”, die Bakterien abgetötet gewesen.

Nicht Stand der Technik

„Ich war selbst auch überrascht über frisch gepressten Zitronensaft in OP-Wunden, aber das heißt nicht, dass der Saft automatisch mit Bakterien kontaminiert gewesen sein muss”, so Philippsen. So eindrucksvoll dessen Ausführungen auch gewesen sein mögen. Im Ohr bleibt vor allem Lemmens abschließendes Urteil: Zitronensaft als Wunddesinfektion, das ist nicht „State of the art”, nicht Stand der Technik. Das ist ein Experiment.

 
 

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