Evonik wird Chemie-Konzern

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Essen. Zwei Jahre nach seinem Neustart steht der Evonik-Konzern vor einem GroßUmbau.

Im Kern wollen Vorstand und Aufsichtsrat das Unternehmen zu einem Spezialchemie-Konzern um- und ausbauen. Die neue Evonik soll allerdings Beteiligungen an den bisherigen Säulen Energieversorgung (Steag) und Immobilien behalten. Dies hat der Aufsichtsrat nach WAZ-Informationen gestern in Dresden beschlossen.

Damit verabschiedet sich das Unternehmen von dem Modell des integrierten Mischkonzerns, das im Zusammenhang mit dem Steinkohleausstieg 2007 entwickelt worden war. Wie es in Unternehmenskreisen hieß, will Evonik die Steag wie auch die Immobilien als weitgehend selbstständige Beteiligungen führen.

Für die Steag ist demnach geplant, Anteile zu verkaufen und damit einen oder mehrere Partner ins Boot zu holen. Evonik wolle dem Unternehmen die Möglichkeit eröffnen, weiter zu wachsen und auch große Investitionen zu stemmen, die derzeit in Ermangelung der nötigen Mittel unmöglich sind. Um die Jahreswende 2007 war die Steag mit 4,5 bis fünf Milliarden Euro bewertet worden. Die Mehrheit der Anteile soll dem Vernehmen nach bei Evonik verbleiben.

Wohnungen mit THS zusammenlegen

Spektakulär sind die Pläne für die Immobilien. Evonik will seine 60 000 Wohnungen mit den 70 000 Einheiten der Gelsenkirchener Wohnungsgesellschaft THS zusammenlegen, die je zur Hälfte Evonik und der Gewerkschaft IG BCE gehört. Damit entstünde der drittgrößte deutsche Wohnungskonzern mit rund 800 Millionen Euro Umsatz. In weiteren Schritten soll das neue Immobilien-Unternehmen an die Börse gehen. Mit der IG BCE habe man sich bereits auf entsprechende Gespräche verständigt. Denkbar ist auch hier, dass Evonik langfristig einen Anteil, etwa die Sperrminorität hält, um sich die Dividenden zu sichern.

Mit diesen Einschnitten und der Konzentration auf die Spezialchemie soll Evonik künftig konsequent Stärken stärken. Im Visier sind Megatrends wie Energieeffizienz (etwa Elektromobilität), der Wachstumsmarkt Gesundheit und Ernährung mit Blick auf die wachsende und alternde Weltbevölkerung (wie Pharmaprodukte und Aminosäure Methionin) oder Schlüssel-Technologien für schnell wachsende Märkte (etwa Spezial-Kunststoffe).

Dem Strategie-Wechsel vorangegangen war eine Analyse der Unternehmensbeteiligungen des Mischkonzerns durch die Investmentbank JP Morgan. Das Thema Konzernstruktur war auch schon einmal Thema innerhalb des politisch besetzten Kuratoriums der RAG-Stiftung, die knapp 75 Prozent an Evonik hält. 25,01 Prozent besitzt die Beteiligungsgesellschaft CVC. In dieser Sitzung hatten die Vertreter des Bundes, damals des SPD-geführten Finanz- und des CSU-geführten Wirtschaftsministeriums Einnahmen aus möglichen Verkäufen von Töchtern für die öffentliche Hand reklamiert.

Faustpfand für Steuerzahler

Hintergrund: Evonik ist quasi Faustpfand für den Steuerzahler zur Begleichung der Ewigkeitskosten des Kohlebergbaus (dauerhafte Kosten für das Abpumpen von Grubenwasser). Wie es hieß, soll auch das von Rainer Brüderle (FDP) geführte Wirtschaftsmininisterium eisern auf mögliche Erlöse etwa durch einen Komplettverkauf der Steag beharrt haben. Einige Politiker fürchten nichts mehr als eine Diskussion über fehlende Mittel für die Abwicklung des Bergbaus im Gefolge der Krise. Der Einbehalt möglicher Verkaufserlöse hätte jedoch die Entwicklungsmöglichkeit des Gesamtkonzerns eingeschränkt. Die jetzt gefundene Lösung, so heißt es in Unternehmenskreisen unter Verweis auf eine informelle Absprache, vermeide eine Beschlussfassung des Kuratoriums mit dem Umbau, da die Mehrheiten der Steag wie auch der Immobiliensparte bei Evonik verbleiben sollen.

Der Strategiewechsel hin zur Chemie war bereits beim Wechsel des damaligen Degussa-Chefs Klaus Engel an die Evonik-Spitze vermutet worden (WAZ 22.08.08). Auch Aufsichtsratschef Wilhelm Bonse-Geuking galt es Gegner des integrierten Mischkonzerns. Der Umbau ist kein leichtes Unterfangen, da Interessen von CVC, IG BCE sowie der Politik zusammenzubinden waren.

 
 

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