Die meisten Menschen fühlen sich gehetzt

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Bochum. Die Bochumer Soziologin Nadine Schöneck hat das Zeitempfinden der Deutschen erforscht . Ergebnis: 80 Prozent sind unzufrieden, weil sie unter Druck stehen. Der Tipp der Wissenschaftlerin lautet, öfter mal aus dem rasenden Karrussell aussteigen und den eigenen Rythmus finden.

Der Typ aus der Whisky-Werbung müsste man sein. Zwölf Jahre sitzt er neben dem Faß und spielt mit seinem Kumpel Dame – bis der Fusel fertig ist. Hat der Mann Zeit! Im wirklichen Leben aber reden wir von Tempowahn und Temporausch, Zeitgewinn und Zeitverdichtung. Auch das neue Jahr, es wird eine einzige Hetzerei!

Das Stichwort der modernen Gesellschaft ist Beschleunigung. Der technische Fortschritt, von der Dampfmaschine bis zum Internet, erhöhte das Tempo. Die Erfindung der mechanischen Uhr koppelte uns ab vom Rhythmus der Natur, die des Stroms vom Lauf der Sonne – und der Sekundezeiger ist der unbestechliche Hinweis auf die vertickende Lebenszeit, die wir umso rasanter und furchtvoller anfüllen wollen mit – ja womit?

Überall Getriebene

Auch Nadine Schöneck hat es meistens eilig. Die 34-Jährige ist Soziologin und Zeitforscherin. Die Bochumerin untersuchte das Zeitempfinden der Deutschen und fand heraus, dass 80 Prozent das Gefühl haben, ihr Leben habe sich beschleunigt. Für mehr als die Hälfte gelte das Motto: Zeit ist Geld. „Die meisten Menschen fühlen sich gehetzt”, sagt sie. Der Mensch ist ein Getriebener, und dieses Gefühl beschränke sich nicht auf den Berufsalltag, sondern reiche bis ins private Leben.

Aber so schlimm sei das gar nicht.

Zwar gibt es diese allgemeine Gehetztheit, diesen Zwang zum Immer mehr und immer schneller. Unzählige Ratgeber, Workshops und Zeit-Management-Seminare scheinen auf ein gravierendes gesellschaftliches Problem hinzuweisen. „Doch wenn man die Menschen genauer befragt, zeigt sich häufig ein robuster Zeitpragmatismus”, sagt Nadine Schöneck. Motto: Es wird schon irgendwie passen.

Keine Zeit, tut mir leid

Die Floskel „Keine Zeit, tut mir leid”, sei oftmals eine Schutzbehauptung. Der Angesprochene will sich Freiräume schaffen, sich abschotten oder einfach nur wichtig machen. „Zeitknappheit ist ein Statussymbol”, sagt die Soziologin. Ich bin wichtig, ich bin gefragt, ich bin nicht verfügbar – das soll etwas aussagen über die soziale und berufliche Position. „Wer dagegen Zeit hat, macht sich verdächtig.” Man stelle sich einen Arzt vor, schlägt Schöneck vor, bei dem man sofort einen Termin bekommt – der Patient würde stutzig werden und denken: der Mann ist nicht gefragt, also nicht kompetent.

Zeitknappheit ist somit auch ein Anspruch, den die Gesellschaft an den Einzelnen heranträgt. Wer stets unterwegs ist, Termin an Termin reiht, kaum erreichbar ist, hat Erfolg, wird bewundert, erntet Achtung. Wer aber Zeit hat, ist entweder Rentner, Millionär – oder ein Versager.

Einerseits tickt der Lebenstakt immer schneller, Tempo bestimmt die Entwicklung neuer Ideen und Produkte, auf Geschwindigkeit kommt es an, mehr denn je. Doch wachsen zugleich die Möglichkeiten, sich auszuklinken durch Gleitzeit, Erziehungszeit oder Zeitkonten. Das ist der „Zeitwohlstand”. Schöneck: „Man muss den Mut haben, aus dem Zeitkarussell auszusteigen, um seinen Zeithaushalt zu schützen. Diese Leute sind Zeitpioniere.” Der Haken: „Zeitwohlstand setzt einen gewissen materiellen Wohlstand voraus.” Zeit oder Geld? Für viele stellt sich die Frage nicht, denn sie haben nicht das Geld für mehr Zeit.

Kalender können bei knapper Zeit helfen

Wie gehe ich effektiv mit meiner knappen Zeit um? Nadine Schöneck beantwortet solche Fragen in Kursen an der Uni. „Da gibt es einige Techniken, die man lernen kann”, sagt sie. Die Erfindung des Kalenders zum Beispiel habe sich bewährt und sei ziemlich nützlich. Kalender? „Ich bin oft erstaunt, wenn mir Kursteilnehmer erzählen, das wäre eine gute Idee, darauf wären sie nicht gekommen.”

Neben diversen Zeit-Management-Methoden aber müsse jeder Mensch in sich hineinhören. „Welcher Zeittyp bin ich? Sprinter oder Marathonläufer?” Das meint: Der eine liebt die Geschwindigkeit, braucht den Tempo-Rausch, will schnell sein, gefragt und wichtig. Andere bevorzugen eine langsamere Gangart, um zum Ziel zu gelangen.

Denn zur Zeit gehört nicht nur die Beschleunigung, sondern auch – die Pause.

 
 

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