Der Selbstbetrug am Hindukusch

Wilhelm Klümper
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Essen. Der Autor Stefan Kornelius kritisiert in seinem Buch „Der unerklärte Krieg“ die heuchlerische deutsche Afghanistan-Strategie: Die Lage am Hindukusch ist hochbrisant - aber die deutsche Politik duckt sich weg und leugnet die Notwendigkeit, die Taliban mit massiver Waffengewalt zu bekämpfen.

„Deutschland führt Krieg, aber vom Krieg darf man nicht sprechen.“ Für Stefan Kornelius ist der gesamte Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr halbgar, unwahr und heuchlerisch. In seinem Buch „Der unerklärte Krieg. Deutschlands Selbstbetrug in Afghanistan“ kritisiert der Außenpolitik-Chef der Süddeutschen Zeitung, dass die 3500 im relativ stabilen Norden eingesetzten Soldaten dort kaum gebraucht würden. Deutschland verweigere dagegen die gefährliche militärische Arbeit im Süden des Landes, wo Amerikaner, Niederländer und Kanadier sich den wieder erstarkten Taliban stellten.

Im Krieg gegen die Taliban wird die Zukunft des Landes entschieden

Allein dort, wo 90 Prozent der Kämpfe stattfänden, würde über die Zukunft eines demokratischen Afghanistans entschieden. Obama habe das erkannt und erhöhe nun das militärische Engagement im pakistanisch-afghanischen Grenzgebiet. Für Kornelius „keine Sekunde zu früh, da die Taliban wie eine Meute hungriger Wölfe über den schwachen pakistanischen Staat herfallen und dort den nächsten großen Konflikt suchen.“

Der ehemalige SPD-Bundesverteidigungsminister Struck habe mit seiner vielfach bespöttelten Aussage „Deutschlands Sicherheit wird am Hindukusch verteidigt“ die geopolitische Bedeutung des Landes erkannt. Denn das unscheinbare Afghanistan habe mit Indien, Pakistan, Russland, China vier Nuklearmächte und mit dem Iran einen nach der Atombombe strebenden Staat als Nachbarn. Als weltgrößter Heroin-Produzent überflute es überdies die internationalen Drogenmärkte.

Pazifistisches Wohlgefühl

Das interessiere die Bürger der „vom Glück geküssten deutschen Nation“ kaum, die sich allenfalls aufregten, wenn ihre unmittelbaren Urlaubsziele mit dem Terror islamistischer Eiferer überzogen würden. Der Machtanspruch des fundamentalistischen Islam werde verdrängt. „Ein pazifistisches Wohlgefühl hat sich über Deutschland gelegt“, so Kornelius.

Die Bundesregierung trage durch ihre Wegduck-Strategie einen Großteil Verantwortung für das Desinteresse an Afghanistan. Die Soldaten spürten den Widerspruch zwischen ihrem Einsatz und dem, was das ferne Land ihnen eigentlich abverlange. Dem Wehrbeauftragten gegenüber hätten sie jüngst erklärt, sich nicht ernst genommen zu fühlen. Kornelius: „Das Gefühl trügt nicht. Die Soldaten sind die Betrogenen. Sie sind die eigentlichen Opfer eines großen Selbstbetrugs“.

Wer diesem Selbstbetrug nicht aufsitzen und das afghanische Chaos ebenso wie das Lavieren der deutschen Politik verstehen will, dem sei die Lektüre des Buches dringend empfohlen.