Bedingt abwehrbereit

Besonders herzlich darf man das Verhältnis, das zwischen Franz Josef Strauß und dem Spiegel herrschte, wirklich nicht nennen.

„Sie sind die Gestapo im Deutschland unserer Tage”, schleuderte er dem Magazin einmal entgegen; dieser CSU-Führer, der trotz oder wegen seiner Tricks und Affären im Lauf des von einem Schlaganfall 1988 beendeten Lebens zur Legende geworden ist.

Umso bemerkenswerter, dass ausgerechnet dieser Mann tatkräftig mithalf, Ansehen und Auflage des Spiegels zu steigern. Bloß: Das Gegenteil war eigentlich sein Ziel.

Am 10. Oktober 1962 elektrisierte die Spiegel-Titelgeschichte manch braven Bürger und erst recht den Verteidigungsminister, Franz Josef Strauß. „Bedingt abwehrbereit” hieß die auf Bundeswehr-Dokumente gestützte Enthüllung von Autor Conrad Ahlers. Die Bundeswehr könne, falls die Russen angreifen sollten, das Land mit ihren konventionellen Waffen nicht verteidigen. Das müsse mit US-Atomwaffen geschehen.

Ein Herr Friedrich August Freiherr von der Heydte, ein Oberst der Reserve, zeigte den Spiegel wegen Landesverrats an – und alles begann: In der Nacht zum 26. Oktober wurden die Hamburger Redaktionsräume durchsucht. Autor Ahlers wurde im Spanien-Urlaub verhaftet. Auch gegen den Herausgeber und Chefredakteur Rudolf Augstein lag ein Haftbefehl vor. Die Polizei hielt wochenlang die Redaktion besetzt.

Während sich liberal gesonnene Bürger über die Attacke auf die Pressefreiheit empörten, gab sich Strauß als Unschuldslamm: Er habe nichts zu tun mit dem Geschehen.

Adenauer glaubte an "Abgrund von Landesverrat"

Noch glaubte auch CDU-Kanzler Konrad Adenauer an „einen Abgrund von Landesverrat”. Aber es kam anders; es kam heraus, dass sich Strauß unzulässig eingemischt und Polizeiaktionen vorangetrieben hatte. Es kam heraus, dass er seine Amtspflichten grob verletzte, indem er die rechtzeitige Unterrichtung des zuständigen FDP-Justizministers unterband – den Liberalen platzte der Kragen. Alle fünf FDP-Minister traten zurück, aus Protest gegen den selbstherrlichen Strauß. Das aber war für den Kanzler zu viel. Strauß trat zurück, er musste gehen.

Und was wurde aus dem „Abgrund des Landesverrats”? Der Bundesgerichtshof entschied: Es gab weder Verrat noch Verräter. Conrad Ahlers ist Jahre später Regierungssprecher geworden und F. J. Strauß bayerisches Urgestein.

 
 

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