Anthony Giddens - das Sprachrohr der Mitte

Essen. Ein britischer Soziologe sucht nach einem dritten Weg zwischen Kapitalismus und Sozialismus. Anthony Giddens gilt als weltweit am häufigsten zitierter Soziologe. 34 Bücher hat er geschrieben, allesamt dem Zeitgeist verpflichtet.

Gewiss, es ist eine Phrase. Doch es stimmt: Das Internet vergisst nichts.

Fangen wir also mit einem schönen Netz-Fundstück zu Anthony Giddens an. Zwölfeinhalb Jahre alt ist sein Interview mit dem Internet-Magazin Telepolis, in dem er über eine sich verändernde Gesellschaft sprach, vor allem aber den damals noch ganz neuen Begriff der Globalisierung. Was Regierungen denn tun könnten, um ihre Länder vor allzu drastischen Auswirkungen zu schützen, wurde der britische Soziologe gefragt. Giddens antwortete: Die Regierungen müssten wahrscheinlich die Finanzmärkte regulieren. Denn so etwas wie eine globale Casino-Ökonomie würde nur ganz schwer zu stabilisieren sein.

Zur Erinnerung: Das war im November 1997.

Zehn Jahre später leitete die US-Immobilienkrise das globale Finanz- und Wirtschaftsdesaster ein, das uns in diesen Tagen immer tiefer deprimiert. Lehman Brothers, General Motors, Hypo Real Estate, Opel – wie in einem bösen Traum rauschen die Namen an uns vorbei. Anthony Giddens mag heute wohl selbst darüber erschrecken, wie richtig er lag. Damals sagte er: „Niemand weiß, wie die Verbindung zwischen der realen Wirtschaft und den neuen Finanzmärkten wirklich beschaffen ist. Das ist alles noch sehr mysteriös.” Oh yes, Mr. Giddens.

Anthony Giddens, heute 71, in den Adelsstand erhoben und Mitglied im House of Lords (Oberhaus des Britischen Parlaments), gilt als weltweit am häufigsten zitierter Soziologe. 34 Bücher hat er geschrieben, allesamt dem Zeitgeist verpflichtet. Einige wurden Bestseller, in akademischen Kreisen jedenfalls.

Die Geschichte seines Wirkens handelt in den wesentlichen Kapiteln darüber, was die Menschen in diesem unruhigen 20. Jahrhundert bewegt und geprägt hat. Kriege, der Sieg des Kapitalismus über den Sozialismus, der Wohlfahrtsstaat, das Internet, die Zunahme von Umweltproblemen. Giddens, der bis vor wenigen Jahren Direktor der Elitehochschule London School of Economics und Political Science war, will Antworten geben auf das Neue, das sich in den westlichen Gesellschaften abzeichnet.

Ein "öffentlicher Intellektueller"

„Sprachrohr der radikalen Mitte” steht über dem Giddens-Interview, eines von vielen Wortspielen, das seine außergewöhnliche Persönlichkeit einfangen soll. Giddens stammt aus einfachen Verhältnissen. Er wuchs in Edmonton auf, einem Arbeiterviertel im Norden Londons. Er sei ein „öffentlicher Intellektueller”, sagt er über sich selbst und meint damit wohl auch seine Fähigkeit, Debatten und Stimmungen eine neue Richtung zu geben. Er tat es, indem er die gesellschaftliche Mitte entdeckte.

Jenseits von Links und Rechts: Vordenker Giddens wies Tony Blair eine neue Richtung, als dieser 1997 Premierminister wurde, und er gab der Labour Party nach 18 Jahren konservativer Herrschaft ein Programm. Giddens plädiert für eine Art Sozialliberalismus als dritten Weg – zwischen liberalem Kapitalismus auf der einen und Sozialismus auf der anderen Seite. Giddens dachte quer: Er kritisierte die auf Deregulierung ausgerichtete Wirtschaftspolitik unter Margaret Thatcher, aber auch etliche traditionelle sozialdemokratische Ansichten, was die Reform des Sozialstaates betraf.

Rinks und Lechts

Giddens plädierte stattdessen für einen Mix, als Alternative zu Kapitalismus und Sozialismus. Ein bisschen Neoliberalismus, ein bisschen von der alten Sozialdemokratie. Rinks und Lechts. „Die einzige Antwort auf die Ungleichheit, der einzige gangbare Weg sozialer Gerechtigkeit ist heute der Dritte Weg”, sagte er einst in einem Interview mit der „Welt”.

Die britische Blaupause für eine Erneuerung sollte die Sozialdemokratie in Europa wieder nach vorne bringen, auch die SPD in Deutschland. Tony Blair und Gerhard Schröder stellten 1999 ein Positionspapier vor, das Giddens Konzept ausformulierte: Der goldene Weg, er führt durch die Mitte.

Nun war Europawahl – ein Debakel aus Sicht der SPD. Was sagt eigentlich Anthony Giddens dazu?

 
 

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