75 Jahre Dosenbier

Essen/Ratingen. Sie ist nichts für den Gala-Ball, nichts für Candlelight-Dinner zu zweit. Aber draußen beim Grillen, auf dem Open-Air-Festival oder beim Camping, da gibt es nichts Besseres als die Getränkedose. Weil sie praktisch ist. Seit 75 Jahren.

Die USA im Jahr 1932. Es ist trocken in diesem heißen Sommer. Auf den Feldern und in den Kehlen der Menschen. Noch gilt die Prohibition. Doch ein Ende des Alkoholverbotes ist in Sicht. Deshalb muss George Newman vorbereitet sein. Schließlich ist er der technische Leiter der „Brauerei Gottfried Krueger”. Vorproduktion für den Tag X scheint eine gute Idee. Nur wie? Die langfristige Lagerung in Flaschen oder Fässern ist damals noch nicht zu machen. Zu empfindlich ist der Gerstensaft gegen Luft und Licht.

Newman greift zur Dose, die sich bereits bei Konserven bewährt hat. Doch das Bier reagiert mit dem Weißblech. Es schmeckt widerlich. Monate dauert es, bis Chemiker eine geschmacksneutrale Innenbeschichtung entwickelt haben. Dann sind 2000 Testtrinker erst begeistert, dann betrunken. Am 24. Januar 1935 kommt die erste Getränkedose der Welt auf den Markt - drei Mal so schwer wie heutige Modelle und nur zu leeren, indem der Käufer mit dem so genannten „Kirchenschlüssel” eine dreieckige Öffnung in den Deckel Stößt. Trotzdem wird das Dosenbier ein Erfolg. Der Umsatz der Krüger-Brauerei steigt um 550 Prozent und bereits im ersten Jahr werden 220 Millionen Dosen verkauft.

Gefahr für Freibadbesucher

1951 macht es auch in Deutschland erstmals „Ratsch - pffft”. „Henninger Export” fließt von da an auch aus den runden Behältnissen, die damals noch aus Weißblech sind. „Moderner leben - mit Bier aus Dosen” lautet die Werbung. Ein Erfolg wird die neue Verpackung dennoch. Auch weil sie ständig weiterentwickelt wird.

Ende der 1950er Jahre ist die Hülle erstmals aus Aluminium. Und in den 1960er Jahren wird der Kirchenschlüssel nicht mehr benötigt. Denn der Amerikaner Ermal Fraze hat den Lift-Tab – die im Dosendeckel integrierte Metalllasche, die sich mit Hilfe einer Lasche abziehen und wegwerfen lässt. Praktisch ist das, sorgt aber in den Freibädern dieser Welt jahrzehntelang für üble Schnittwunden an den Füßen unaufmerksamer Besucher. Oder lässt an Stränden Tiere qualvoll verenden. Bis ein gewisser Dan Cudzik das „Stay-On-Tab-System” entwickelt. Was nichts anderes heißt, als dass die Lasche nach dem Öffnen am Deckel bleibt und ins Innere der Dose gehebelt wird.

Proteste von Umweltschützern

Andere Probleme sind technisch nicht zu lösen. Jedenfalls nicht in Deutschland. „Nur Flaschen trinken aus Dosen”, lautet der Slogan, mit dem Umweltorganisationen seit den 1980ern über mangelnde Energie-Effizienz und Recyclingfähigkeit der Aluminiumbehälter schimpfen. Die Deutschen trinken zunächst trotzdem weiter. Bis immer neue Verpackungsverordnungen und Pfandregelungen die Dose 2003 verdrängen.

Mit der Einführung des neuen einheitlichen Pfandsystems kehrt sie 2006 zurück. „Aber nicht so stark wie erhofft”, sagt Sylvia Blömker, Sprecherin der deutschen Niederlassung von Ball Packaging Europe, einem der größten Dosenhersteller der Welt. Deshalb floss 2009 auch nur der Inhalt von knapp 900 Millionen der europaweit 53 Milliarden geleerten Dosen durch deutsche Kehlen.

Trotzdem forschen ausgerechnet in Bonn rund 70 Menschen für Ball Packaging nach Möglichkeiten, die Dose weiter zu verbessern. Eine wieder verschließbare Version haben sie schon erfunden. „In Frankreich, Holland und den USA ist diese Dose flächendeckend eingeführt”, sagt Blömker.

Die Dose, die riecht

Auch am Äußeren wird getüftelt. Etwa an thermochromatischen Lacken - Beschichtungen, die ihre Farbe mit der Temperatur verändern. Damit man weiß, wann das Bier die richtige Temperatur hat. „Aromastoffe” sind ebenfalls in der Entwicklung. Wer außen an der Dose reibt, kann dann den passenden Duft zum Fruchtsaft freisetzen. Das ist noch nicht alles. Irgendwann einmal soll die Dose dank aufladbarer Partikel, mit den Menschen kommunizieren können. „Nimm mich mit”, könnte dann aufleuchten, wenn jemand im Laden am Regal vorbeigeht. Oder - ganz im Sinn vieler wortkarger Männer - nach dem Öffnen nur ein kurzes Wort.

„Prost.”

 
 

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