Zeugin erkannte Böhnhardt an zwei NSU-Tatorten

Im NSU-Prozess ging es am Freitag um Überwachungsvideos, die bereits 2006 Hinweise auf Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos hätten liefern können. Eine Zeugin erkannte die beiden damals.
Im NSU-Prozess ging es am Freitag um Überwachungsvideos, die bereits 2006 Hinweise auf Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos hätten liefern können. Eine Zeugin erkannte die beiden damals.
Foto: Sascha Fromm / Thüringer Allgemeine
Schon 2006 gab es Hinweise auf einen Zusammenhang zwischen einem Mord in Nürnberg und dem Bombenanschlag in der Kölner Keupstraße - beide mutmaßlich vom NSU verübt, wie man heute weiß. Eine Zeugin erkannte die Täter auf einem Video. Die Spur wurde aber nicht weiter verfolgt.

München. Eine 47-jährige Zeugin hat sich am Freitag vor Gericht überzeugt gezeigt, Uwe Böhnhardt an zwei der mutmaßlichen Tatorte des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) erkannt zu haben. Bei Uwe Mundlos war sich die Zeugin nicht ganz sicher. Damit ist sie die erste, die im NSU-Prozess vor Gericht eines der möglichen Mitglieder des mutmaßlichen NSU-Terrortrios mit einem der Morde direkt in Verbindung brachte.

Die Zeugin erkannte auf einem Überwachungsvideo aus Köln einen Mann, den sie 1995 unmittelbar vor und nach dem Mord an Ismail Yasar in der Nähe des Tatortes in Nürnberg ebenfalls gesehen haben will. „Ich bin mir sicher“, erklärte die Bäckereifachverkäuferin vor dem Oberlandesgericht in München auf Nachfrage des Nebenklageanwalts Yavuz Narin. Zuvor waren ihr Videosequenzen einer Kölner Überwachungskamera vom 9. Juni 2004 vorgespielt worden.

Aufnahmen entstanden in der Nähe des Kölner Tatorts

Die Aufnahmen entstanden in Tatortnähe unmittelbar vor dem Nagelbombenanschlag in der Kölner Keupstraße. Sie zeigen einmal einen sportlichen jungen Mann der zwei Fahrräder schiebt und später einen weiteren jungen Mann, der ein Fahrrad mit einem Gegenstand auf dem Gepäckträger schiebt. Die Ermittler gehen davon aus, dass in dem Video die mutmaßlichen Attentäter zu sehen sind.

Die Nürnberger Ermittler hatte im Mai 2006, also knapp ein Jahr nach dem Mord an Ismail Yasar, der Zeugin die Videos aus Köln ein erstes Mal gezeigt. Damals hatte sie „deutliche Übereinstimmungen“ zwischen zwei Männern und dem Mord in Nürnberg erkannt. Sie hatte den Ermittlern gesagt, dass von Gestalt und Gesichtsform die Kölner Männer auf dem Video mit den von ihr in Nürnberg beobachteten Radfahrern übereinstimmen würden.

"Spargeltarzan" trug ein Käppi auf dem Kopf

Am 34. Verhandlungstag hatte sich der Staatsschutzsenat des Oberlandesgerichts in München erneut mit dem Mord an Ismail Yasar beschäftigt. Der 50-Jährige wurde am 9. November 2005 gegen 10 Uhr in Nürnberg in seinem Imbiss-Stand mit mindestens vier Schüssen getötet. Die Zeugin war an diesem Tag in der Nähe des Imbiss-Standes offenbar kurz vor der Tat an zwei Radfahrern vorbei gefahren, welche sich an einem Stadtplan orientiert hatten.

Der rechte Terror der NSUAls „Spargeltarzan“, also groß, dünn, mit abstehenden Ohren beschreibt sie einen von ihnen. Er habe ein Käppi auf dem Kopf getragen und beide seien dunkel gekleidet gewesen. Nach ihrer Erinnerung kamen die Männer wegen ihrer hellen Hautfarbe eher aus einer nördlichen Region. Sie hätten normale Herrenräder bei sich gehabt und einer einen dunklen Rucksack.

Schwächte die Polizei die Aussagen der Zeugin ab? 

Etwa 15 bis 20 Minuten später, auf dem Rückweg von der Schule ihres Sohnes bemerkte die Zeugin die beiden Radfahrer direkt am Imbiss-Stand von Ismail Yasar erneut. Der mit dem abstehenden Ohr habe dem anderen einen in eine gelbe Plastiktüte eingewickelten Gegenstand in den Rucksack gesteckt, erinnert sich die Zeugin. Das muss nach Polizeiangaben kurz nach dem Mord an dem Imbiss-Betreiber gewesen sein.

Als am Mittag ihr Sohn ihr von dem Mord erzählt habe, sei sie zur Polizei gegangen, um ihre Aussage zu machen. Richter Manfred Götzl hält der Zeugin vor, dass sie bei ihrer Aussage bei der Polizei nur von „ziemlich sicher“ und „einer gewissen Ähnlichkeit“ gesprochen habe. Die Zeugin erklärte, dass die Angaben in den Polizeiprotokollen „abgeschwächt“ worden seien. Die Beamten hätten ihr gesagt, wenn sie sich nicht 150prozentig sicher sei, könne sie auch nicht sagen, sie sei sich sicher.

Zeugin war noch mindestens zweimal vernommen worden

Ein Raunen geht durch den Gerichtssaal. In den Reihen der Nebenkläger verfolgten auch die Eltern des Getöteten den Prozess. Auf Nachfrage eines Nebenklageanwalts bestätigt die Zeugin, dass ihr von den Ermittlern trotz ihrer Aussage bei einer weiteren Vernehmung zahlreiche Fotos von Männern vermutlich mit türkischer und südeuropäischer Herkunft gezeigt worden waren. Die Polizei habe ihr Vorgehen damit begründet, zu ermitteln, ob die türkische Mafia hinter dem Mord stecke.

Nach dem Auffliegen des NSU im November 2011 war die Zeugin erneut mindestens zwei Mal von der Polizei vernommen worden. Sie schilderte dem Gericht, dass zuvor sie in einem Fernsehbeitrag die drei Fotos von Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhard gesehen habe, wenngleich sie sich nicht an deren Namen erinnern könne. Dabei habe sie auf dem mittleren Foto einen der Radfahrer widererkannt. Ihr sei das abstehende Ohr wider aufgefallen. Das wäre Uwe Böhnhardt gewesen.

Zeugin identifiziert Böhnhardt und Mundlos auf Fotos

Gemeinsam mit Beate Zschäpe und Uwe Mundlos soll er den NSU gebildet zu haben. Beate Zschäpe steht unter anderem deshalb derzeit in München vor Gericht. Die Bundesanwaltschaft wirft ihr zudem Mittäterschaft bei zehn Morden und schwere Brandstiftung vor. Zwei weiteren Angeklagten wird jeweils Beihilfe zu den neun fremdenfeindlichen Morden des NSU vorgeworfen. Zwei weitere Angeklagte müssen sich wegen Unterstützung einer terroristischen Vereinigung verantworten.

Vor Gericht könnte die Zeugin aus mehreren Dutzend Fotos verschiedener Personen Böhnhardt und Mundlos als diejenigen benennen, die sie in Nürnberg gesehen haben will.

Zeugin ärgert sich über Ermittlungen ins Leere

Wolfgang Heer, der Verteidiger von Beate Zschäpe, erkundigte sich bei der Zeugin, warum sie in ihrer ersten Vernehmung bei der Polizei kurz nach dem Mord in Nürnberg nichts von dem auffälligen Merkmal des abstehenden Ohres bei einem der Männer gesagt habe. Auch seien auf den von der Zeugin damals gefertigten zwei Phantombilder keine abstehenden Ohren zu erkennen, fügte der Rechtsanwalt an.

Die Zeugin zeigte sich während ihrer Aussage darüber verärgert, dass die Ermittlungen bei der Polizei zu dem Mord an Ismail Yasar damals im Sande verlaufen seien. Sie hätte sich mehrfach danach erkundigt, es habe aber keine Erfolge gegeben, erklärte sie.

 
 

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