Wie die DDR das Revier ausspionierte - die Stasi in NRW

Selbst Alltägliches und Banales wurde weitergegeben. Zum Beispiel wie das Rotlichtviertel einer Ruhrgebietsstadt am helllichten Tag aussieht. Handschriftlich wurde vermerkt: „Das Bordellviertel in Bochum“.
Selbst Alltägliches und Banales wurde weitergegeben. Zum Beispiel wie das Rotlichtviertel einer Ruhrgebietsstadt am helllichten Tag aussieht. Handschriftlich wurde vermerkt: „Das Bordellviertel in Bochum“.
Foto: BStU
Stasi-Chef Mielke: „Wir müssen alles wissen.“ Ob Atomkraftwerk in Hamm, Forschung an der Ruhr-Uni, SPD-Politik in Düsseldorf oder das Rotlichtviertel in Bochum – die Agenten der DDR fotografierten und sammelten alles.

Bochum. Die Professoren und Studenten der Ruhr-Universität ahnten ja nicht, wie eifrig die Ost-Spione wühlten. 270 Berichte lieferte „IM Junior“ nach 1975 über Forschungen zu Wirtschaft und Handel in die Ost-Berliner Zentrale. „Elster“ war Mitarbeiter der Verwaltung auf dem Bochumer Campus, spezialisiert auf Technologien. Es gab auch „IM Mühle“, ein Perspektivagent. Er war ein Professor der Gesellschaftswissenschaft.

„Genossen, wir müssen alles wissen“, hatte Stasi-Chef Erich Mielke an die Adresse seiner geschätzt 1500 Spione in Westdeutschland gesagt. Die Rhein-Ruhr-Region als wirtschaftliches Kerngebiet des Klassenfeindes, so ist ein Vierteljahrhundert nach dem Mauerfall klar, geriet für Jahrzehnte zu einer Hauptkampflinie der Spionage.

„IM Werner“ war Bergmann

Wichtig war: Wie der West-Staat den Schnellen Brüter in Kalkar und den Hochtemperaturreaktor in Hamm bauen wollte. Oder was führende SPD-Politiker an Rhein und Ruhr von der Ostpolitik Willy Brandts hielten. Dazu installierte „VEB Guck und Horch“ wohl den Lüdenscheider Oberbürgermeister Erwin Welke (IM Gustel) als Quelle. Aber auch: Wie das Rotlichtviertel einer Ruhrgebietsstadt am helllichten Tag aussieht.

Die Bundesbehörde für Stasi-Unterlagen (BStU) hat für Bochum nachgestellt, was Agenten am Alltag der anderen Seite spannend fanden. „IM Werner“, Bergmann von Beruf, ist mit der Kamera durch die Straßen der Heimat gezogen. Er hat einen Opel Kadett (eine Frau steigt gerade aus!) geknipst, die „Gaststätte“ im Hintergrund, die Bierreklame. Geht’s banaler?

15.500 Säcke Stasimüll

Berlin-Lichtenberg, Normannstraße, Haus 7. Die Archivare der BStU sortieren hier täglich jede Mengen Banales. Urlaubskarten aus dem Westen, die Postkontrolleure herausgefischt haben. Handgeschriebene Briefe. Beurteilungen von „Informellen Mitarbeitern“ in Kirchen der DDR. Oder eben Vor-Ort-Berichte wie die von „IM Werner“ oder dem Gabelstaplerfahrer aus Gelsenkirchen, der Fotos vom Essener Hauptbahnhof und der Aral-Tankstelle interessant fand.

Vor Andreas Loder liegen Hunderte Schnipsel. Es ist ein Bruchteil der 300 Millionen Fetzen, die auf Feinsichtung warten. Mielkes Leute haben vor 25 Jahren panisch versucht, ihre in vier Jahrzehnten spionierten Unterlagen zu schreddern. Sie haben Papierreste und Fototeilchen und SED-Ausweise in 16 000 Säcke verstaut, die mutige Bürgerrechtler 1989 vor der endgültigen Vernichtung bewahren konnten.

Ein Scanner sortiert die Stasi-Schnipsel

Was passt zusammen? Loders Job ist die Vorauswahl. Die sei heute „Routine“, findet er. „Einen Tag“ braucht Loder für den Papierberg auf seinem Schreibtisch. Mühsam ist dieses Geschäft. Ein Vierteljahrhundert pappten sie mit Spezialkleber zusammen, was der Arbeiter- und Bauernstaat zurückließ. 500 Säcke haben sie so erledigt. Jetzt gibt es einen Scanner, den „e-puzzler“, eine Neuentwicklung für die Aufarbeitung der jüngsten Vergangenheit. Der Scanner soll die restlichen 15 500 Säcke Stasimüll schaffen. So konnten aus dem Informationsberg Stasi-Operationen rekonstruiert werden, die sich gegen Bochumer Vereine richteten. „IM Gerlinde“ und „IM Renn“ haben aus dem Leben der „Sozialistischen Bildungsgemeinschaft“ berichtet. Abgeklärt: Auch die Existenz des Normalbürgers Norbert.

Die Stasi hat den Bochumer noch im Sommer ‘89 beschattet, Monate vor ihrem eigenen Ableben. Er hat in der Hermannstraße gewohnt, dann in der Wittener, hat bei der Bundespost gearbeitet und sich 500 D-Mark nebenher verdient als Trainer im Sportverein. Vor allem stand ihr ahnungsloses Opfer kurz „vor dem Eintritt in die SPD“, wie Mielkes Lauscher noch am 11. August meldeten. Da gab es schon die Löcher im Eisernen Vorhang.

NRW im Fokus der Späher

Norbert ist ein Fall von vielen. Ahnen Revierbürger, wer von ihnen in den Akten beim Geheimdienst des anderen deutschen Staates registriert war? Allein in der bekannten Rosenholz-Datei sind „500 Karteikarten zu Bürgern aus Bochum direkt recherchierbar“, heißt es bei der Unterlagenbehörde. BStU-Mitarbeiter Elmar Kramer: „Viele überrascht es, wenn wir mit den Wanderausstellungen durch den Westen ziehen“. 2015 steht NRW auf dem Terminplan. Von hier kommt mit 164 107 Anfragen nach Akteneinsicht die Masse der Anträge aus der alten Bundesrepublik.

Das liegt an Bonn, das als Bundeshauptstadt immer im Fokus der DDR-Späher stand. Nicht immer ist es der DDR um Alltagseindrücke gegangen. Einer der wohl neun Bochumer IM hat 1979 Schlagzeilen gemacht. An einem frühen Januarmorgen wurde Karl-Heinz Glocke verhaftet, Mitarbeiter der Personalabteilung des Essener RWE-Konzerns. Ihn, einen überzeugten Kommunisten, hat die Staatssicherheit Details aus dem Privatleben von Kollegen ausgucken lassen – offenbar, um die Basis für Erpressungen zu schaffen. Der übergelaufene Stasi-Oberst Werner Stiller, der Glocke auffliegen ließ, nannte ihn ein Schwergewicht.

SED-Firmen sorgten für Devisen

SED und Stasi richteten Firmen in Ruhrgebietsstädten ein, um ihre Operationen zu steuern. In Bochum war es die Import Export Nolte GmbH in der Kurfürstenstraße. Vielleicht ist auch der Vorgang Deutsche Edelstahlwerke über Nolte-Schreibtische gelaufen.

Der hat „Guck und Horch“ in Angst versetzt: Mielke verdächtigte das West-Unternehmen, die Technologie des DDR-Staatsbetriebs Leuna ausspähen zu wollen. Hightech Ost in Feindeshand? Das durfte nicht sein.

 
 

EURE FAVORITEN