38-Jährige aus Altena im Einsatz für UN-Flüchtlingshilfswerk

Joachim Karpa
Alexandra Krause in der UNHCR-Zentrale in Genf.  Die 38-Jährige gehört zum Noteinsatz-Team des UN-Flüchtlingshilfswerks. Sie weiß nicht, wohin sie der nächste Einsatz führt. Ihre Vermutung: Burundi.
Alexandra Krause in der UNHCR-Zentrale in Genf. Die 38-Jährige gehört zum Noteinsatz-Team des UN-Flüchtlingshilfswerks. Sie weiß nicht, wohin sie der nächste Einsatz führt. Ihre Vermutung: Burundi.
Foto: Joachim Karpa
  • Sauerländerin arbeitet für UN-Flüchtlingshilfswerk
  • Einsatz in Krisenregionen
  • „Ich bin nicht leichtsinnig“

Genf/Altena. Gestorben im Einsatz für Frieden und Menschenrechte. „Zum Glück kommt das nicht oft vor“, sagt Alexandra Krause. Mehr sagt sie nicht zu diesem Fall. Die 38-Jährige aus Altena-Dahle gehört ebenfalls zum Noteinsatz-Team des UN-Flüchtlingshilfswerkes: „Ich bin Standby. Innerhalb von 72 Stunden kann ich zu jeder Krise irgendwo auf der Welt geschickt werden.“ Ziele, die Urlauber nicht auf dem Radar haben.

Helfer-Gen in der Familie

Es sind Länder, in denen Mord und Totschlag, Hunger und Elend herrschen. Unregierbare, gescheiterte Staaten, in denen Milizen Krieg führen. Die Sauerländerin mittendrin, auf der Seite der leidenden Bevölkerung: im Kamerun, wo Tausende vor den Schlächtern von Boko Haram fliehen, in der Krisenregion Darfur im Sudan, im Ostkongo.

Hat sie keine Angst?

„Nein. „Ich bin nicht leichtsinnig, ich habe ein gesundes Gottvertrauen. Der beste Kompass ist das eigene Bauchgefühl. Das hat sich bewährt“, sagt sie. „Wer weiß, was im Leben mit einem passiert? Die einen gehen aus dem Haus und ­haben einen Autounfall, andere ­bekommen Krebs.“ Ihre Eltern, Marianne und Manfred Krause, ­beide 76 Jahre alt, machten sich Sorgen, räumt sie ein, „aber sie sind auch ein bisschen stolz auf das, was ich mache“.

Woher sie das Helfer-Gen hat? Vielleicht von der Mutter? „Vielleicht“, sagt sie und lacht. „Meine Mutter war Krankenschwester, ­meine ältere Schwester Sonja hat Krankenschwester gelernt, meine jüngere Schwester Gabi Physiotherapeutin. Wir sind ein Drei-Mädel-Haus, alle arbeiten mit Menschen.“

Jurastudium abgeschlossen

Jede auf ihre Art. Verklären will die junge Frau ihre Arbeit nicht. „Ich bin nicht die Florence Nightingale aus Altena, die sich selbstlos in Weiß um Kranke kümmert.“ Nein. Im Einsatz trägt sie eine gut sichtbare blaue Weste. Sie will kein Friedensengel sein. Süßliches Wortgeklingel, mit dem sie nichts anfangen kann: „Für mich ist das ein Job.“

Ist es nicht. Es ist mehr. Wer Leib und Leben riskiert, um das Leid der in Not geratenen Menschen zu lindern, der braucht ein großes Herz und endlos Energie. „Ich wollte schon als Jugendliche für die UN in der ganzen Welt arbeiten. Manch einer hat das früher belächelt.“ Mit ihrem abgeschlossenen Jura-Studium und dem Job in einer Frankfurter Wirtschaftskanzlei hat ihre Arbeit nichts mehr zu tun. „Nein. Da bin ich lange raus. Heute würde ich an wesentlichen Elementen eines Mietvertrags scheitern.“

Warum dieser Umweg? „Bei der Berufsberatung war mir abgeraten worden. Ja, das wollen viele, hieß es.“ Das Ziel hat sie nie aus den ­Augen verloren. „Für mich ist das genau das Richtige.“ Ihr letzter Einsatz: Koordinatorin des Durchgangslagers in Gevgelija an der mazedonisch-griechischen Grenze. Täglich kommen 6000 Flüchtlinge an. „Die Menschen wollen weiter. Sie sind Getriebene.“ Die Einsatzkräfte helfen mit dem Nötigsten. Sie versorgen entkräftete Frauen, Männer und Kinder mit Essen und Trinken, verschaffen ihnen eine Atempause, versuchen, die Weiterreise zu organisieren. Nicht zuletzt helfen sie bei der Zusammenführung der Familien, die sich verloren haben.

Bleiben Bilder ihrer Einsätze im Gedächtnis? „Ja. Einzelne Schicksale, einzelne Gesichter auf jeden Fall.“ So wie die Familie, die mit zwei Monate alten Drillingen, einem fünfjährigen Sohn und einer zweijährigen Tochter aus Syrien geflohen ist. „Sie waren bescheiden und dankbar für die Hilfe. Sie haben gestrahlt, als ich sie in den Arm genommen habe.“ Oder die Begegnung mit einer 102-jährigen Frau aus Afghanistan, die mit ihrem 78-jährigen Sohn den beschwerlichen Weg angetreten ist und „so in sich ruht“. Viele Momente, die aufwühlen, still nachwirken und sich nicht in Worte fassen lassen.

Ein Engel auf Erden

Die Menschenmasse beeindruckt sie. „Wenn wir 1000 Leute in den Zug an die serbische Grenze gesetzt haben, waren die nächsten 1000 da. Beängstigend – und ich weiß, ich kann nichts ändern.“ Mit den Jahren hat sie ein Gespür für die Not der Menschen entwickelt. „Stellen Sie sich vor, Sie packen aus blanker Not morgen Ihre Sachen und wissen nicht, wohin es mit der Familie geht?“ Alexandra Krause schenkt Flüchtlingen für den Augenblick ein bisschen Frieden: „Ihre Dankbarkeit gibt mir die Kraft.“

Also doch ein Engel auf Erden? Es klingt kitschig. Einen Gedanken ist es beim Anzünden der Kerzen am Weihnachtsbaum wert.