Massentierhaltung ist eine Brutstätte für gefährliche Keime

Klaus Brandt
Tier an Tier, Pute an Pute: Keime verbreiten sich in der Massentierhaltung besonders schnell.
Tier an Tier, Pute an Pute: Keime verbreiten sich in der Massentierhaltung besonders schnell.
Foto: dpa
In deutschen Mastbetrieben finden Keime ideale Bedingungen. Dort werden sie resistent gegen Medikamente, die später auch bei der Behandlung von Menschen auf der Intensivstation nicht mehr wirken. Noch mehr betroffen als Nordrhein-Westfalen ist das Agrarland Niedersachsen.

Essen. Die Keimkette, der jedes Jahr Zehntausende von Menschen zum Opfer fallen, beginnt im Stall: in auf billige Fleischproduktion getrimmten Zucht- und Mastanstalten der Massentierhaltung. Es sind Brutstätten für resistente Keime. Für Bakterien, gegen die es später auf den Intensivstationen der Krankenhäuser keine Rettung mehr gibt für schwerst kranke Patienten. Weil gegen multiresistente Erreger wie MRSA, VRE oder ESBL dann die meisten Antibiotika nicht mehr wirken.

Nicht von ungefähr. Nur ein Drittel aller Antibiotika (700 bis 800 Tonnen) werden in Deutschland an Menschen verabreicht, davon 80 Prozent ambulant und 20 Prozent im Krankenhaus. Zwei Drittel bekommen Tiere: rund 1700 Tonnen. Und die potenzieren sich noch.

Zwei Drittel aller Antibiotika sind für Tiere

Zwar verschreiben Tierärzte geringere Mengen von Antibiotika. Dafür setzen sie aber häufiger höher konzentrierte Breitband-Antibiotika wie Fluorchinolone ein. Die sind bei gleicher Menge um ein Vielfaches wirksamer. Ein Beispiel: Acht Tonnen Fluorchinolonen reichen für rund 80 Prozent der Schweine, für die man 576 Tonnen eines herkömmlichen Antibiotikums braucht.

Vor allem Schweine und Geflügel verbreiten Resistenzen. In den Tieren entwickeln sich gefährliche Keime. Den Bakterien stehen diverse Übertragungswege auf den Menschen offen: Keime können durch falsche Fleischverarbeitung von der Tierhaut auf das Fleisch kommen, das dann in die Supermärkte geht. Dünger mit resistenten Keimen gelangt auf die Felder und dort auf Obst und Gemüse.

Wer mit Tieren arbeitet, hat oft die Bakterien am Körper

Und Menschen, die Kontakt zu Tieren haben, tragen die Bakterien auf dem Körper. Bei Untersuchungen wurde der multiresistente Keim MRSA bei jeder vierten Person, die beruflich mit Tieren zu tun hatte, auf der Haut gefunden. Bei Leuten ohne Tierkontakt waren nur 1,5 Prozent Keimträger.

[kein Linktext vorhanden]Während ökologisch bewirtschaftete Schweinebestände zu 26 Prozent mit MRSA besiedelt sind, wurde laut einer Studie der Technischen Hochschule Hannover bei 92 Prozent der konventionell gehaltenen Schweine Tier-MRSA in der Nase gefunden. Das bedeutet: Die Bedingungen in großen Mastställen, wo 22 Hühnchen auf der Fläche eines kleinen Badetuchs ihr knapp sechs Wochen kurzes Leben fristen oder 120 Kilo schweren Schweinen weniger als ein Quadratmeter Platz zur Verfügung steht, tragen zur Keimentwicklung und deren Weitergabe maßgeblich bei.

Niedersachsen ist besonders betroffen

Das agrarlastige Niedersachsen trifft es noch härter als NRW. Nach Recherchen dieser Zeitung, der „Zeit“ und des Recherchebüros „Correctiv“ meldet der Landkreis Holzminden so viele MRSA-Infektionen pro Einwohner wie kein anderer in Deutschland. Und auch die direkten Nachbarkreise Nienburg, Northeim und Hameln-Pyrmont haben ein echtes Problem mit dem Erreger. Das zeigen die Daten des Robert Koch-Instituts, das für die Überwachung solcher Infektionen zuständig ist.

MRSA-Keime wurden erstmals 1964 in britischen Kliniken nachgewiesen. Wie anpassungsfähig die Bakterien sind, zeigen Mutationen in Mastställen. Die neue im Tier beheimatete Variante nennt sich LA-MRSA CC398.

Hohe Dunkelziffer

Noch sind deutschlandweit nur etwa zwei Prozent aller erfassten Infektionen mit resistenten Keimen definitiv auf die Variante aus dem Stall zurückzuführen. In nutztierreichen Gegenden wie dem Münsterland oder dem südwestlichen Niedersachsen liegt der Anteil aber schon bei zehn Prozent. Fast jede dritte MRSA-Besiedlung ist dort bereits „nutztierassoziiert“. Tendenz: deutlich steigend.

Genaue Zahlen, wie viele Menschen schon am Tier-MRSA gestorben sind, existieren nicht. Die Fälle werden nur zufällig bekannt. Denn welche der beiden Varianten (Mensch- oder Tier-MRSA) sich letztlich tödlich auswirkte, wird in vielen deutschen Krankenhäusern bisher gar nicht differenziert.

Im Uni-Klinikum Münster starben 2013 zwei Patienten nachweislich an den Keimen. Und in Dänemark sind fünf Todesfälle durch Schweine-MRSA-Keime dokumentiert.