Warum Lena Meyer-Landrut bei The Voice Kids wahnsinnig wird

Pirkko Gohlke
Die sogenannten "Coaches" bei der Castingshow "The Voice Kids"
Die sogenannten "Coaches" bei der Castingshow "The Voice Kids"
Foto: dpa
Die erste Sendung des Kindercastings "The Voice Kids" startete am Freitagabend bei Sat.1. Sängerin Lena Meyer-Landrut geriet an den Rand des Wahnsinns, Tim Bendzko hatte zwischenzeitlich „Puls“ und Henning Wehland ist der Coach der elfjährigen Marie aus Duisburg.

Essen. Chelsea trägt ein weißes Kleid mit pinken Blümchen. Hinter der Bühne von The Voice Kids warten ihre Familie und der Pfarrer ihrer Gemeinde in der Schweiz. Chelsea ist aufgeregt. Die kleine Hand umfasst das Mikrofon. Sie singt los. Im ersten Moment ist es ganz still im Studio. Dann applaudiert das Publikum.

Chelsea singt „Girl On Fire“ – und kommt mit ihrer Interpretation sehr nah an Alicia Keys heran. Dabei ist Chelsea erst acht Jahre alt. Sie ist die jüngste Teilnehmerin bei The Voice Kids. Das kleine Mädchen sorgt sogar für Tränen in den Augen von Coach Henning Wehland, der unter anderem Frontmann der Rockband H-Blockx ist.

Bei Lena Meyer-Landrut ist alles „Wahnsinn“

Lena Meyer-Landrut ist nicht erst nach Chelseas Auftritt am Rande des Wahnsinns. Inflationär kommt ihr das Wort „Wahnsinn“ während der Sendung über die Lippen. Alternativ ersetzt sie es auch gerne mal durch „mega“.

Lena Meyer-Landrut zappelt rum, springt auf, quietscht freudig, tanzt über die Bühne – strapaziert die Nerven des Zuschauers. Die Sängerin erlebt einen Abend zwischen Höhen und Tiefen, zwischen Freude und Tränen. Spaß bereitete ihr dabei auch, dass Chelsea sich für ihr Team entschied.

Die erste Folge von The Voice Kids, ausgestrahlt am Freitagabend auf Sat.1, enthielt schon einige Höhepunkte. Das Kindercasting, eine gestraffte, weil weniger Sendungen beinhaltende, Version von The Voice of Germany, lief zur Primetime und musste sich unter anderem gegen den Auftakt der RTL-Promi-Tanzshow Let’s Dance behaupten.

Dabei kamen Kinder-Castings zuletzt beim Publikum nicht gut an. DSDS Kids erreichte mit dem Finale gerade einmal 2,2 Millionen Zuschauer. Ein Flop, gemessen an den hohen Ansprüchen in der Branche.

Tim Bendzko hat Puls, Henning Wehland hat Marie aus Duisburg in seinem Team

Kein Flop ist der Auftritt der elfjährigen Marie aus Duisburg bei The Voice Kids. Sie singt „Only Hope“ so gut, dass sich alle drei Coaches umdrehen. „Mega. Wir werden hier weggepustet. Du klingst ja wie 200 Jahre Ausbildung am Musicaltheater“, sagt Lena Meyer-Landrut. Und Tim Bendzko kommentiert: „Unfassbar gut. Ich werde sterben, wenn du nicht in mein Team kommst.“

Marie entscheidet sich am Ende für Henning Wehland. Und Tim Bendzko, der so ziemlich alles und jeden an diesem Abend „unfassbar“ findet – das Wortpendant zu Lena Meyer-Landruts „Wahnsinn“ und „mega“ – verzweifelt nicht zum ersten Mal an diesem Abend. Schon zuvor war er vom Talent der jungen Sänger so begeistert, dass er sagte: „Spätestens jetzt kannst du mich einweisen.“ Oder: „Ich hab schon wieder Puls.“

Bei The Voice Kids geht es um den Knuddel- und Niedlichkeitsfaktor

Ob sich The Voice Kids am Freitagabend durchsetzen kann? Potenzial ist da, aber auch Kritik.

Unterhaltsam ist das Format, das zunächst mit den Blind Auditions startet. Die Talente singen auf hohem Niveau. Schicksalsgeschichten in Form von Einspielern bleiben dem Zuschauer zum Glück erspart – anders als in so mancher anderen Castingshow, wo auch das letzte private Unglück ausgegraben und ausgeschlachtet wird.

The Voice Kids funktioniert auf einer anderen Ebene der Emotionen. Denn hier geht es vor allem um den Knuddel- und Niedlichkeitsfaktor. Die Kinder können eben nicht nur gut singen, die meisten sind auch ungemein „süß“. So könnte Sat.1 vor allem auf die weiblichen Zuschauer abzielen und steht auch hier in Konkurrenz zu Let’s Dance.

Experten warnen vor Kindercastings im Fernsehen

Dennoch: Die Kritik am Kinder-Casting im Fernsehen steht nach wie vor – ob es sich um DSDS Kids oder The Voice Kids handelt. Schon bei DSDS Kids warnte der Kinderschutzbund davor, die Kleinen nicht „hilflos in den TV-Wahnsinn“ zu schubsen. "Es geht bei der Show nicht um Kinder", befürchtet Nicole Vergin, Sprecherin des Kinderschutzbundes in NRW, damals. „Es geht um ehrgeizige Eltern, die über ihre Kinder ihre eigenen Träume ausleben."

Auch Medienexperte Bernd Schorb von der Medieninitiative "Schau hin!" warnte vor dem Start von The Voice Kids Eltern davor, ihr Kind bei solch einer Sendung anzumelden. "Der Großteil der Kinder wird notwendigerweise eine Enttäuschung erleben."

Enttäuschung erlebte in der ersten Sendung von The Voice Kids auch der zehnjährige Pablo aus Düsseldorf. Er kam nicht weiter, weil sich keiner der Coaches umdrehte. Pablo nahm es zumindest äußerlich gelassener als Lena Meyer-Landrut, die nach seinem Auftritt weinte.