Opel - IHK sieht durch Aus 10.000 Jobs in der Region in Gefahr

Dagobert Ernst
Über die Zukunft des Opel-Werks in Bochum wurde seit Jahren spekuliert. Am Montag hat Opel nun das Aus für den Automobilbau in Bochum verkündet. 3000 Jobs seien direkt betroffen. Tatsächlich dürften es viel mehr sein.

Bochum. 3000 der aktuell 3800 Beschäftigten im Opel-Werk sollen 2016 ihre Jobs verlieren. So hat es die Opel-Führung am Montag in Bochum auf einer Betriebsversammlung vor 2300 Opel-Beschäftigten verkündet. In der Statistik der Arbeitsagentur geht es um die "Berufsgruppe 29": "Herstellung von Kraftwagen und Kraftwagenteilen". Tatsächlich dürfte sich das Aus der Autoproduktion im Bochumer Opel-Werk auf viele weitere Berufsgruppen und -Branchen in Stadt und Region auswirken.

Bei der Industrie- und Handelskammer Mittleres Ruhrgebiet in Bochum jedenfalls verweist Sprecherin Julia Beuerlein auf einen "Erfahrungswert": Die Zahl der direkt betroffenen Stellen multipliziert "mit drei oder mit vier". Das ergebe eine Vorstellung davon, wie sich das Opel-Aus tatsächlich auf dem Arbeitsmarkt in der Region entwickeln könnte. Das Ergebnis, laut IHK-Schätzung: von 10.000 Jobs müsste ausgegangen werden. "Vom Opel-Lieferanten bis zum Büdchen gegenüber", sagt Beuerlein.

Auch in der Bochumer Arbeitsagentur erwartet man "Folge-Effekte" durch das Aus der Autoproduktion im Opel-Werk. Agentur-Leiter Luidger Wolterhoff hält sich zwar mit Zahlen zurück, geht aber "von deutlichen Effekten auch über Opel hinaus" aus. Der Blick auf den NRW-Arbeitsmarkt zeigt: Stand März diesen Jahres waren insgesamt 87.102 Menschen in der Autoproduktion beschäftigt. Zum Vergleich: Im Jahr 2007 waren es landesweit noch 92.611 Beschäftigte.

Autozulieferer Johnson-Controls prüft Zukunft seines Bochumer Werks

Konsequenzen dürfte das Ende der Automontage im Bochumer Opel-Werk vor allem für die direkt vor Ort ansässigen Zulieferer haben, sagt der Duisburger Auto-Experte Prof. Ferdinand Dudenhöffer. Vor allem Beschäftigte in den "Modulmontagen vor den Werkstoren" dürften betroffen sein. In Bochum ist das beispielsweise der Fahrzeug-Komponenten-Produzent Johnson Controls; das US-Unternehmen lässt in Bochum Fahrzeugsitze herstellen. Eine "Just-in-Time"-Produktion, die unmittelbar an die Opel-Fließbänder gekoppelt ist.

600 Mitarbeiter produzieren die Sitze, teilt Unternehmenssprecher Oliver Herkert auf Anfrage mit. Seit 1989 ist Johnson Controls mit einem eigenen Werk vor Ort. "Wir prüfen, welche Auswirkungen die Pläne von Opel auf unser Werk in Bochum haben", sagte Herkert am Montag. Er verweist darauf, dass in Bochum auch Fahrzeugsitze für Ford in Köln hergestellt werden. Laut Ferdinand Dudenhöffer ist es denkbar, dass die Sitz-Produktion nach Köln verlagert werden könnte.

Opel hat schon seit Jahren keine Gewerbesteuer mehr in Bochum gezahlt 

Opel hat nach Auskunft der Bochumer IHK insgesamt etwas mehr als 100 Zulieferer in NRW. "Die Zulieferer sind in der Regel nicht an einen einzigen Autohersteller gebunden", sagt der Auto-Experte von der Universtiät Duisburg-Essen. Das bestätigt Markus Richter, Sprecher des Lippstädter Lichttechnik- und Elektronik-Herstellers Hella: "Für Hella hat die Schließung in Bochum keine Auswirkungen". Die Werke in der Region - in Recklinghausen und Hamm - seien Teil eines internen Zuliefersystems und würden nicht von Opel abhängen. Jeweils 1000 Mitarbeiter seien in den Werken - intern Werk 4 und 5 - beschäftigt. Richter: "Wir produzieren für alle namhaften Autohersteller weltweit".

Für die Stadt Bochum selbst hält sich der direkte wirtschaftliche Schaden ebenfalls in Grenzen. So hat es Bochums Oberbürgermeisterin Ottilie Scholz (SPD) bereits im Juni im einem Zeitungsinterview erklärt. Demnach zahle Opel schon seit Jahren keine Gewerbesteuer mehr an die Stadt. Das Opel-Aus sei deshalb kein Vergleich mit der Nokia-Schließung im Jahr 2008. Damals seien "auf einen Schlag 25 Millionen Euro Steuereinnahmen pro Jahr" weggefallen, erklärt ein Stadtsprecher. Und gut 2100 Jobs.

Arbeitsagentur will mit Opel "rasch ins Gespräch kommen"

In der Bochumer Arbeitsagentur mag man das Opel-Aus nicht mit dem Nokia-Ende in der Stadt vergleichen. So sehr Bochums Oberbürgermeisterin sich am Montag über die "jahrelange Zermürbungstaktik" von GM beklagte. Anders als Nokia gibt Opel dem Werk noch bis 2016 Zeit. Für Agentur-Chef Luidger Wolterhoff ein erheblicher Unterschied zum finnischen Handyhersteller Nokia: "Die hatten das Aus von heute auf morgen verkündet".

Bei der Arbeitsagentur setzt man jetzt darauf, möglichst rasch mit Opel ins Gespräch zu kommen: "Entscheidend für uns ist die Frage, welchen Plan Opel hat". Will sich der Autohersteller "in Stufen" von den Mitarbeitern trennen oder soll es auf einen Schlag geschehen. Aktuell zählt die Statistik 17.500 Arbeitslose in Bochum. Nimmt man die sogenannten Unterbeschäftigten hinzu, waren im November insgesamt 23.040 Menschen in Bochum ohne Job. Etwa die Hälfte der Opelaner lebe in Bochum oder Herne, sagt Luidger Wolterhoff. Der andere Teil der Beschäftigen pendle, zum Teil von weit her. Auswirkungen für den Arbeitsmarkt gebe es deshalb "bis ins Sauer- und Münsterland".