Marihuana ist erst der Anfang - Acht Irrtümer zum Kiffen

Kiffen sorgt für Entspannung. Das kann aber in einem Teufelskreis enden.
Kiffen sorgt für Entspannung. Das kann aber in einem Teufelskreis enden.
Foto: Abir Sultan/dpa
Bei unseren Nachbarn in den Niederlanden ist die "weiche Droge" legal, bei uns streitet man sich noch. Wir räumen mit Irrtümern zu Cannabis auf.

Essen/Rüthen. Grünen-Fraktionschef Hofreiter hat's getan und schätzungsweise 2,5 Millionen Deutsche machen mit: Kiffen ist mittlerweile eine weit verbreitete, illegale Beschäftigung. Viele Mythen und Halbwahrheiten ranken sich um die grüne Hanfpflanze, die sich Befürworter und Gegner der Cannabis-Legalisierung gleichermaßen vor die Köpfe knallen. Wir versuchen, ein bisschen Klarsicht in den Dunstnebel zu bringen.

1. Cannabis ist eine bewusstseinserweiternde Droge.

Falsch! Im Grunde wirkt Cannabis nicht bewusstseinserweiternd, sondern bewusstseinshemmend. "Während des Rausches nimmt man Themen anders wahr, Probleme werden aus einem anderen Blickwickel betrachtet", bestätigt Franjo Grotenhermen, Cannabis-Experte und Arzt aus Rüthen. Untersuchungen hätten ergeben, dass der Wirkstoff THC sozusagen den Prozess vom Kurz- ins Langzeitgedächtnis unterbricht. Die Folge: In einem kurzen Gespräch mit vier Sätzen kann sich der Konsument eventuell nicht mehr an den ersten Satz erinnern.


Selbst einfachste und alltägliche Dinge wie das Zähneputzen können dem Nutzer plötzlich als völlig neue Erfahrung vorkommen. Er hat quasi nur eingeschränkten Zugriff auf den Bereich im Gedächtnis, in dem die unzähligen Situationen des Zähneputzens abgespeichert sind.

2. Cannabis macht nicht süchtig.

Falsch! "Cannabis hat ein Abhängigkeitspotential, beim Absetzen können auch Entzugssymptome auftreten", sagt Grotenhermen. Dazu gehörten innere Unruhe, Schlafstörungen, vermehrtes Schwitzen und Appetitlosigkeit. "Die Entzugserscheinungen sind in etwa so stark, wie wenn man mit dem Rauchen aufhört, natürlich abhängig von der Dauer und Intensität des Konsums".

Damit kann Cannabis also auch körperlich und nicht nur - wie weitläufig angenommen - psychisch abhängig machen.

Bei der psychischen Abhängigkeit spielt vor allem das soziale Umfeld eine große Rolle. Das Kiffen kann zu einer Art Ritual werden, bei dem in geselliger Runde ein Gefühl von Entspannung erzeugt wird, obwohl man eigentlich verärgert oder frustriert ist. Kurzfristig löst sich die innere Anspannung, man bewertet das Erlebnis als positiv - und will mehr davon. Das kann schlimmstenfalls dazu führen, dass der Konsument nach und nach verlernt, sich seinen Gefühlen zu stellen; Cannabis wird zum ständigen Begleiter, zur Fluchtmöglichkeit, zum scheinbaren Problemlöser - der Teufelskreis beginnt.

3. Cannabis ist genauso schädlich wie Alkohol.

Stimmt nicht! "Cannabis ist sicherlich nicht so schädlich wie Alkohol", so Grotenhermen. In einer Schwangerschaft habe Cannabis beispielsweise keine Auswirkungen auf das Wachstum oder eventuelle Missbildungen des Fötus. Ganz im Gegensatz zu Alkohol, der auch die sprachliche Entwicklung langzeitig beeinträchtige.

Auch beim Thema Krebsrisiko sei Cannabis um ein Vielfaches harmloser als Alkohol. In einer amerikanischen Fall-Kontroll-Studie bestehe selbst bei starken langzeitigen Cannabisrauchen kein Zusammenhang mit Lungenkrebs und anderen Krebsarten des oberen Verdauungs- und Atemtraktes.

Trotzdem kommt es immer noch auf die Dosis an, die eine Substanz zum Gift werden lässt. Der exzessive Missbrauch von Alkohol und Cannabis kann Folgeschäden verursachen. Leberzirrhose, Schlaganfall, Impotenz kann eine Alkoholabhängigkeit mit sich bringen, auffällig ist der Zusammenhang zwischen Psychosen und Cannabiskonsum - wobei die Forschung bisher zu keinem einheitlichen Ergebnis gekommen ist.

4. Hanf ist eine Naturdroge.

Theoretisch schon! Allerdings wird Hanf, wie er in den meisten Fällen gehandelt wird, hochgezüchtet, teilweise werden die Pflanzen auch in Treibhäusern genetisch verändert. Und damit nicht genug: Um maximale Gewinne zu erzielen, scheuen sich Händler auch nicht, das Cannabis beispielsweise mit Blei zu strecken - dadurch wird es schwerer und lässt sich teurer verkaufen. Natürlich sieht anders aus.

5. Marihuana macht dumm und faul.

Dumm vielleicht, faul aber nicht. "Sowohl bei Jugendlichen als auch bei Erwachsenen wurden lang anhaltende kognitive Defizite festgestellt, wenn stark gekifft wurde, sprich mehr als fünf Gramm pro Tag", erklärt Grotenhermen. Und das noch nach vier Wochen nach dem letzten Joint.

Grotenhermen weist außerdem darauf hin, dass Menschen mit kognitiven Defiziten häufiger zu Cannabis- und Alkohol-Konsum neigen. In diesen Fällen sei es schwer nachweisbar, ob diese Defizite vor dem Konsum von Marihuana bereits vorhanden waren, Untersuchungsergebnisse könnten deswegen verzerrt sein.

Als mögliche Folge des Cannabis-Konsums galt früher das sogenannte amotivationale Syndrom, was oft mit Faulheit, Trägheit und Teilnahmslosigkeit in einen Topf geworfen wurde. Diese Theorie gilt mittlerweile jedoch als überholt. Dazu schrieben Grotenhermen und Gorter in “Cannabis und Psychosen”: “Klinische Studien führten zu widersprüchlichen Ergebnissen, so dass die eines cannabisinduzierten Amotivationssyndroms heute als ungeklärt gilt. Der Zustand ist sicherlich eher selten. Persönlichkeit und Beikonsum anderer Drogen machen es zudem schwierig, ein amotivationales Syndrom per se auf Cannabis zurückzuführen.”

6. Eine Legalisierung von Hanf führt zu erhöhtem Konsum.

Falsch! “Dazu wurden mehrere Studien in verschiedenen Ländern aufgestellt, auch von der Weltgesundheitsorganisation. Das Ergebnis: Die rechtliche Lage ist für den Konsum oder die Intensität nicht relevant", sagt Grotenhermen.

In Holland werde beispielsweise nicht mehr gekifft als in Frankreich, obwohl die Gesetze deutlich lockerer sind. Zwar wolle man mit den Verboten vor allem die Jugendlichen schützen. Die hätten allerdings kaum ein Problem, an Marihuana heranzukommen.

“Andere Faktoren für einen erhöhten Cannabis-Konsum sind viel entscheidender, zum Beispiel Perspektivlosigkeit unter Jugendlichen", ergänzt der Mediziner. Außerdem würden mit der Legalisierung gegenwärtige Probleme reduziert werden, wie zum Beispiel der Schwarzmarkt, mafiöse Strukturen oder Jugendliche, die Kontakt zu kriminellen Strukturen bekommen.

7. Marihuana ist eine Einstiegsdroge und führt zum Konsum härterer Drogen.

Falsch! Die Behauptung, dass Marihuana Menschen dazu anstifte, härtere Drogen zu nehmen, ist eines der beliebtesten Argumente im Kampf gegen die Legalisierung - einen Beweis gibt es dafür nicht.

Korrelationen in einer Statistik bedeuten nicht automatisch, dass ein kausaler Zusammenhang besteht. Menschen, die Heroin oder Kokain nehmen, haben vorher zwar oftmals Marihuana geraucht. Das bedeutet aber nicht zwangsläufig, dass Marihuana auch die Ursache für ihren Konsum war.

Die US-Journalistin Maia Szalavitz räumt in ihrem "Time"-Artikel mit dem Mythos als Einstiegsdroge auf, hat für diese Problematik ein anschauliches Beispiel: “Bei Mitgliedern der Motorradgang “Hell’s Angels” ist es 104 Mal wahrscheinlicher, dass sie bereits als Kind Fahrrad gefahren sind. Es bedeutet aber genauso wenig, dass Fahrradfahren bereits ein erster Schritt zur Karriere als Mitglied einer Motorradgang ist.”

8. Das für Hanf charakteristische THC kommt nur in der Pflanze vor.

Stimmt, aber es gibt natürliche Nachahmer! Die sogenannten Endocannabinoide sind Botenstoffe im Körper, die THC (Tetrahydrocannabinoid) imitieren und für die Funktion des neuralen Netzwerks von zentraler Bedeutung sind. Für einen Rauschzustand sorgen sie aber nicht.

Die Endocannabinoide regulieren, wie viele biochemische Botenstoffe für ein Signal verwendet werden. Dieses Signalsystem ist für den korrekten Ablauf der embryonalen Gehirnentwicklung wichtig. Das Endocannabinoid-System ist noch nicht vollständig erforscht, hat aber eine wichtige Schutzfunktion: Es wird bei übermäßigem Stress aktiv und hilft dem Körper, zum Normalzustand zurückzufinden.

Endocannabinoide als Medikament?

Insgesamt helfen Endocannabinoide dabei, verschiedenste Vorgänge im Körper zu regeln, zum Beispiel beim Speichern traumatisierender Erinnerungen oder beim Energiestoffwechsel. Mit dieser Basis hoffen Forscher, neue Medikamente gegen unterschiedliche Leiden entwickeln zu können: von Angst und Depressionen über Schmerzen und Fettleibigkeit bis zu chronischen Entzündungen.

 
 

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