Integration am Gartenzaun

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Münster. Jägerzaun, Gartenzwerge und gezirkelte Beete - so stellt man sich den Schrebergarten vor. Typisch deutsch eben und ein wenig spießig. Mit diesen Vorurteilen räumt eine Studie auf. Das Ergebnis: Kleingärten sind bunt und vor allem international.

Die Studie des Zentrums für Nonprofit-Management und der Universität Münster zeigt, dass sich immer mehr Familien und Zuwanderer im Kleingartenverein wohl fühlen. Projektleiter André Christian Wolf stellt im Gespräch mit DerWesten fest: Die Welt der Schrebergärten ist inzwischen so vielfältig wie unsere Gesellschaft.

Schrebergärten galten eigentlich immer als typisch deutsch. Mit ihrer Studie haben Sie dieses Vorurteil widerlegt, oder?

André Christian Wolf: Uns hat interessiert, inwieweit Kleingartenanlagen über den Anbau von Obst und Gemüse hinaus auch Orte sozialer Begegnung und des nachbarschaftlichen Miteinanders sind. Dabei haben wir festgestellt, dass sich inzwischen auch viele Zuwanderer im Kleingärtnerverein wohl fühlen. Fast jeder fünfte Gartenfreund hat einen so genannten Migrationshintergrund. Der Kleingarten erscheint damit gar nicht so typisch deutsch, wie vielfach angenommen.

Welche Nationalitäten haben Sie besonders häufig angetroffen?

Wolf: Die meisten Kleingärtner mit Zuwanderer-Hintergrund kommen aus osteuropäischen Ländern wie Polen, Russland oder der Ukraine. Diese Länder haben mit Datschas und Grabeland vergleichbare Traditionen. Doch auch Türken, Koreaner, Japaner und Vietnamesen nehmen inzwischen bei uns Gießkanne und Harke in die Hand.

Jägerzaun, Gartenzwerge und gezirkelte Beete – so stellt man sich den deutschen Schrebergarten vor. Sieht es denn beim türkischen Nachbarn genauso aus?

Wolf: Im Prinzip schon. Die Gärten sind ähnlich aufgebaut. Das ist in den Satzungen der Kleingärtnervereine auch relativ strikt geregelt. Es gibt aber kleine Unterschiede in der Nutzung. So sind zum Beispiel gerade die Spätaussiedlerfamilien relativ kinderreich. Daher waren für ein Drittel der Befragten Spiel- und Freizeitmöglichkeiten für Kinder ein wichtiges Motiv bei der Anmietung eines Kleingartens. Und hier und da sieht man statt einer deutschen natürlich auch mal eine ungarische, spanische oder türkische Fahne wehen.

Schwärmen die Ausländer denn auch für Gartenzwerge?

Wolf: Der Gartenzwerg hat ja zum Teil Kultstatus. Daher finden Sie die auch in einigen Kleingärten von Migranten. Trotzdem stehen in deutschen Kleingärten sicherlich immer noch mehr Gartenzwerge.

Was bewegt ausländische Familien dazu, sich einem Kleingärtnerverein anzuschließen?

Wolf: Sie wollen in der Natur sein und Gartenarbeit machen. Für zwei Drittel der Migranten ist auch der Selbstversorgungsaspekt entscheidend. Sie wollen selbst Obst und Gemüse anbauen. Wichtig sind natürlich auch die Kontakte zu anderen. Die Vereinsidee ist aber unter den Migranten nicht so bekannt.

Werden die ausländischen Neulinge immer mit offenen Armen empfangen?

Wolf: In der Regel ja. Die Vereine sind überwiegend sehr bemüht, neue Mitglieder, egal welcher Nationalität, einzubinden. Die Neumitglieder werden auf Versammlungen vorgestellt. Viele Vereine veranstalten auch internationale Gartenfeste, zu denen jeder Spezialitäten aus dem Heimatland mitbringt.

Bilden sich auch nationale Grüppchen?

Wolf: Das Phänomen gibt es in einzelnen Anlagen auch, gerade unter den so genannten Spätaussiedlern. Aber in der Regel ist die Gemeinschaft in den Kleingärtnervereinen sehr gut durchmischt.

Tragen Kleingärtnervereine dazu bei, Ausländer besser zu integrieren?

Wolf: Kleingärten bieten unzählige Möglichkeiten zum kulturellen Austausch. Da kann die Integration wirklich am Gartenzaun stattfinden. Deutsche und Migranten tauschen Tipps über unterschiedliche Anbaumethoden oder Rezepte aus. Oder man leiht sich Gartengeräte, bittet um handwerkliche Hilfe. Oder die Deutschen helfen beim Ausfüllen von Formularen aus. Der deutsche Schrebergarten ist längst zu einem Ort internationaler Gemeinschaft geworden.

Gibt es auch Konflikte zwischen den unterschiedlichen Nationalitäten?

Wolf: Die Migranten zeigen häufig Unverständnis gegenüber der strikten Reglementierung in den Vereinen. Dass die Hecke immer auf einer bestimmten Höhe geschnitten sein muss zum Beispiel. Das stößt bei den Migranten immer auf sehr viele Fragen.

Sie haben auch festgestellt, dass die Schrebergärtner jünger werden?

Wolf: Ja, das ist richtig. Derzeit sind noch etwa 40 Prozent der Kleingärtner im Rentenalter. Aber bei den neuen Interessenten für Parzellen in Kleingärten zeigt sich, dass drei von vier Nachfragern junge Familien mit Kindern sind. Personen über 60 finden sich dagegen nur sehr selten auf den Wartelisten. Das hat natürlich teilweise auch finanzielle Gründe. Manche Familien ermöglichen sich damit den Urlaub vor der Haustür.

Alles in allem hat der deutsche Schrebergarten also sein Image der Deutschtümelei und Spießigkeit abgestreift?

Wolf: Ich denke schon. Kleingärten sind heute längst nicht mehr so spießig, wie man sich das vorstellt. Die Vereinsheime sind natürlich oft immer noch mit guter alter Eiche ausgestattet. Und Gartenzwerge gehören auch noch zum typischen Bild. Aber insgesamt ist der deutsche Schrebergarten inzwischen längst so vielfältig und „bunt“ wie der Rest der Gesellschaft.

Zur Studie:

Insgesamt befragten die Wissenschaftler vom Zentrum für Nonprofit-Management in Münster im Frühjahr und Sommer 2007 die Vorstände von 40 Kleingärtnervereinen und 45 Schrebergärtner mit Zuwanderer-Hintergrund. Die Studie wurde gefördert aus Mitteln des Ministeriums für Generationen, Familie, Frauen und Integration (MGFFI) des Landes Nordrhein-Westfalen.

 
 

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