Die gefühlte moralische Unterlegenheit des Fleischessers

Unser Autor hat das Gefühl, dass einige Fleischesser vegane Ernährung als Anklage verstehen.
Unser Autor hat das Gefühl, dass einige Fleischesser vegane Ernährung als Anklage verstehen.
Foto: dpa
Seit einer Woche lebt unser Autor Felix Laurenz jetzt vegan. Ab und an muss er immer noch die Häme der Kollegen über sich ergehen lassen. Dafür fühlt er sich seinen Fleisch essenden Kollegen moralisch überlegen - und beginnt darüber nachzudenken, wie er sich nach dem Selbstversuch ernähren will.

Essen. Es gibt Sätze, die bekomme ich seit dem Beginn meines veganen Selbstversuchs ziemlich oft zu hören. "Geht's dir gut?" gehört dazu, aber auch die nicht ganz ernst gemeinte Feststellung: "Du siehst blass aus." Letztens wurde ich von einem Kollegen sogar gefragt, ob ich überhaupt noch die Kraft zum Radfahren hätte. Zugegeben, manches ist schon ziemlich lustig.

Außerdem habe ich als Veganer gewisse Vorteile. Schließlich kann ich im Moment mit großer moralischer Überlegenheit auftreten. Schweine in Massentierhaltung? Sterben nicht für mich. Kleine Kälbchen? Streichle ich, statt sie in Form von Wiener-Schnitzeln zu verputzen. Gerade in meinem Verwandten- und Freundeskreis empfinden viele deshalb anscheinend einen Rechtfertigungsdruck.

Vegane Ernährung als Anklage

"Ich esse ja auch kaum noch Fleisch", sagte letztens ein Verwandter zu mir, als ich ihm von meinem Selbstversuch erzählte - fast so, als wäre meine vegane Ernährung eine Anklage gegen seinen eigenen Fleischkonsum.

Veganes Leben Die meisten Fleischesser scheinen sich moralisch längst in der Defensive zu fühlen. Und auch wenn es im Internet einige Menschen gibt, die sich als Anti-Veganer präsentieren und ihren Fleischkonsum feiern - ich kenne keinen Fleischesser der sagt: "Toll, dass für mich ein Tier gestorben ist."

Opa schlachtet die Stallhasen

Mein Großvater zum Beispiel hatte früher jahrelang Stallhasen. Die Tiere wurden einige Monate gefüttert und dann geschlachtet. Anstatt die Schlachtung an einen Betrieb auszulagern, hat mein Opa die Arbeit selber erledigt, weil er fand, dass es falsch und feige wäre, jemand anderes dafür zu bezahlen. Leicht fiel ihm das trotzdem nicht und ich bin sicher: ich hätte das nicht gekonnt.

Tiere zu töten ist eben eine üble Notwendigkeit, wenn man Fleisch essen will. Erdbeeren oder Äpfel haben wir fast alle schon mal gepflückt, aber nur wenige haben ein Tier umgebracht, um es anschließend zu essen.

Fleisch ist nicht zu ersetzen

Bleibe ich deshalb auch nach meinem Selbstversuch Veganer? Wohl eher nicht. Ein Stück Fleisch kann nicht von anderen Produkten ersetzt werden und ich werde sicherlich auch nach dem Ablauf meines Selbstversuchs mal ein Kotelett oder Steaks essen. Trotzdem werde ich in Zukunft genauer hinsehen und versuchen, manches tierische Produkt zu meiden.

Denn warum wird zum Beispiel tierische Gelatine benutzt, um Weingummi oder Saft herzustellen, wenn es auch ohne geht? Muss dafür wirklich ein Tier sterben? Kann ich guten Gewissens einen Pullover aus Angora-Kaninchen-Wolle tragen, während ich zuhause meine Kaninchen verhätschle? Ich finde nicht.

Wie sehen Sie das? Schreiben Sie mir eine E-Mail an vegan@derwesten.de oder in den Kommentaren unter diesem Text. Bei Twitter finden Sie mich unter @laurenzvegan.

 
 

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