A40-Vollsperrung ist die Variante "kurz und schmerzvoll"

Dietmar Seher
A40-Vollsperrung in Essen: Eine bessere Alternative scheint es nicht zu geben.
A40-Vollsperrung in Essen: Eine bessere Alternative scheint es nicht zu geben.
Foto: Kai Kitschenberg / WAZFotoPool
Die Sperrung der A40 stellt das Straßennetz in NRW vor eine Bewährungsprobe. Doch nicht nur hier, sondern auch in Berlin ist man davon überzeugt, die beste Variante gewählt zu haben. Auch wenn selbst der Staatssekretär im Verkehrsministerium die Vollsperrung "schmerzvoll" nennt.

Essen. Die A40 bei Essen wird am Freitag für drei Monate gesperrt - eine Premiere im Straßenbau. Die Fahrer von täglich 70 000 Fahrzeugen müssen die empfohlenen Umleitungen nutzen oder sich andere Wege suchen. Im Gespräch mit der WAZ Mediengruppe sagt der Parlamentarische Staatssekretär im Bundesverkehrsministerium, Enak Ferlemann, warum dies die beste Lösung ist.

Nie wurde in Deutschland eine dicht befahrene Autobahn für eine so lange Zeit gesperrt, um Bauarbeiten durchzuführen. Ist die Maßnahme mit dem Bundesverkehrsminister abgesprochen?

Enak Ferlemann: NRW hat sein Konzept mit uns abgesprochen. Die Autobahn und die angrenzende Bahnstrecke müssen dringend saniert werden. Wir haben gemeinsam mit dem Land überlegt, was besser ist: über zwei oder mehr Jahre eine Baustelle nach der anderen, oder alles in drei Monaten erledigen. Wir haben uns für „Kurz und Schmerzvoll“ entschieden.

Was macht Sie optimistisch, dass sie nicht zu einem Zusammenbruch des Verkehrs in einem der größten europäischen Ballungsräume führt?

Ferlemann: Die konzertierte Aktion mit dreimonatiger Vollsperrung stellt aus unserer Sicht für die Pendler das kleinere Übel dar, und ist außerdem die effektivere und wirtschaftlichere Lösung. Wenn NRW so gut und intensiv über die Sperrung informiert und die Umleitungen so gut organisiert wie in der Vergangenheit, wird das gut über die Bühne gehen. Die A40 wurde ja bereits mehrfach für die Durchführung von Erhaltungsmaßnahmen voll gesperrt. Insbesondere durch die umfassende Öffentlichkeitsarbeit ist es dabei nicht zu erheblichen Verkehrsbeeinträchtigungen gekommen. Der Landesbetrieb Straßenbau NRW, die Stadt Essen und die Straßenverkehrsbehörde arbeiten bereits seit eineinhalb Jahren eng zusammen, um die entstehenden Verkehrsbehinderungen so gering wie möglich zu halten.

Baustellen auf Autobahnen sorgen bei Fahrern für Frust und in der Wirtschaft für finanzielle Ausfälle. Sehen Sie in der Totalsperrung eine Alternative zu den meist einspurigen Streckenführungen, die sich über Jahre hinziehen?

Ferlemann: Ja, das ist so eine Sache: jeder will gute Straßen ohne Schlaglöcher, aber keiner will Baustellen. Eine Straße muss aber regelmäßig instand gehalten und manchmal ganz erneuert werden. Das geht selten, ohne dass der Verkehr eingeschränkt wird. Wir versuchen, diese Verkehrsbehinderungen auf ein Mindestmaß zu beschränken und die Baustellen zu optimieren – zum Beispiel, indem der gesamte Tag ausgenutzt wird und wo das möglich ist, auch nachts gearbeitet wird. Dieser Ansatz liegt auch der Entscheidung zur Vollsperrung der A40 in Essen zu Grunde.

Warum die A40-Sperrung eine beispielhafte Baustelle ist 

Ist die A 40-Sperrung Test für weitere Baustellen?

Ferlemann: Die hier gewählte Lösung ist gut, aber nicht ohne weiteres für alle anderen Baustellen übertragbar. Sie ist hier möglich, weil es gut ausgebaute Alternativstrecken gibt und die Bauabläufe bei Bahn und Straße aufeinander abgestimmt werden können. Wir prüfen jeweils im Einzelfall, wie eine Baustelle optimiert werden kann.
Bauarbeiten an Autobahnen in den Ballungsräumen stellen eine besondere Herausforderung dar. Die A40 bei Essen zum Beispiel liegt in einem besonders engen Korridor. Jetzt sind gleichzeitig am Ruhrschnellweg-Tunnel, den Helbingbrücken, der Stadtwaldbrücke und der Fußwegbrücke Steubenstraße umfangreiche Baumaßnahmen erforderlich. Um die einzeln durchzuführen, wären mehr als zwei Jahre Bauzeit mit zwischenzeitlichen Sperrungen nötig gewesen. Weil die Bahn vom 6. Juli an die S-Bahnstrecke unterhalb der A40 für Gleisbauarbeiten sperrt, können wir die einzeln geplanten Straßenbaumaßnahmen im gleichen Zeitraum bündeln.

Ist für den Staat als Bauherr eine dreimonatige Totalsperrung billiger als eine sich über Jahre hinziehende Baumaßnahme mit engen Fahrspuren?

Ferlemann: Vorausgeschickt: Wir verbauen Steuergelder, es ist also nicht für uns billiger, sondern für die Bürgerinnen und Bürger! Ich gehe auf jeden Fall davon aus, dass die hier gewählte Lösung die Baumaßnahme erheblich beschleunigt und damit auch kostengünstiger macht. Und vor allem auch sicherer – Baustellen mit engen Fahrspuren bergen immer auch ein Verkehrsrisiko. Das Land NRW wird dieses Pilotprojekt dokumentieren und die gewonnenen Erfahrungen auswerten und uns berichten. Dann wissen wir es ganz genau.

Sollten die Erfahrungen gut sein: Bei welchen künftigen Autobahn-Baumaßnahmen kommen Totalsperrungen in Frage?

Ferlemann: So ein Projekt kommt höchstens für Autobahnen in Ballungszentren mit ähnlichen Voraussetzungen in Frage. Derzeit gibt es kein Projekt mit ähnlichen Rahmenbedingungen. Das hier ist schon ziemlich einzigartig, aber bei guten Erfahrung an anderen Stellen wiederholbar.

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