Iny Lorentz

Ihren größten Erfolg feierten sie unter dem gemeinsamen Pseudonym Iny Lorentz, die Autoren der historischen Bestseller „Die Wanderhure“, „Die Kastratin“ und „Die Goldhändlerin“, um nur einige der 19 Romane zu nennen. Damit nicht genug: Sie bringen es auf eine stattliche Zahl von sechs weiteren Pseudonymen: Eric Maron, Nicola Marni, Sandra Melli, Diana Wohlrath, Mara Volkers und Annie Lechner, die wiederum 19 Unterhaltungsromane verfassten.

Wie also das erfolgreiche Autorenpaar korrekt ansprechen? „Was die Namen betrifft, können Sie uns mit ,Lorentz’ betiteln - oder eben mit ,Klocke’ (Iny) und Wohlrath (Elmar) - oder eben Iny und Elmar“, antwortet das Münchener Autorenpaar. „Iny Klocke und Elmar H. Wohlrath als Autoren macht jedes Cover kaputt“, beschreiben die beiden, dass sie das Pseudonym aus ihrem Vornamen und dem Nachnamen seines Vaters zusammenfügten.

Die gemeinsame Schreibleidenschaft brachte die 1949 in Köln geborene Iny Klocke mit ihrem 1952 geborenen Franken Elmar Wohlrath zusammen. Unter ihren Familiennamen Iny Klocke und Elmar H. Wohlrath veröffentlichten sie 1986 das Kinderbuch „Paul und Strubbel“.

„Schon sehr früh haben wir uns gegenseitig unterstützt und Teile der Kurzgeschichten des anderen überarbeitet oder gar neu geschrieben“, verraten sie auf ihrer Homepage. „Daher haben wir uns bald entschlossen, unsere Zusammenarbeit auch nach außen hin kund zu tun und sind bei späteren Kurzgeschichten immer gemeinsam als Verfasser aufgetreten.“

Iny war in ihrer Kindheit erstmals mit der Mutter und ihrem Stiefvater, die Deutsche Boxer züchteten, in Iserlohn: „Das muss um 1960 herum gewesen sein. Wir sind mit einem alten Borgward hierher gefahren.“ Einen nachhaltigeren Eindruck hinterließen jetzt aber die Liebesromantage, zu denen sie zusammen mit rund 50 Autoren in Iserlohn weilten. Hier tauschte man sich aus über die verschiedensten Spielarten des Liebesromans. Das Bestsellerteam Iny Lorentz gilt als führend auf dem Gebiet des Historienromans.

Ihre beruflichen Stationen beschreibt die gebürtige Kölnerin so: gelernte Arzthelferin, „vergeigtes“ Medizinstudium, bis 2006 Organisationsprogrammiererin in der Versicherungsbranche. Ihren Mann lernte sie über einen Fantasy-Club kennen und 1980 habe sie ihre erste Geschichte für eine Heyne-Anthologie geschrieben.

In den 80er Jahren schrieben sie Science-Fiction- und Fantasy-Storys für Anthologien. Die Begeisterung für Fantasy-Stoffe tragen die beiden immer noch durch fantasievolle T-Shirts mit Löwen, Pferden, Wölfen und Greifvögeln und anderen Exoten zur Schau. Das reiselustige Bestsellerduo tritt im lässigen Outdoor-Look auf, bequemen Hosen mit vielen Taschen und Lederwesten. Er trägt dazu eine Schiebermütze – neben den bunten Fantasy-T-Shirts sein Markenzeichen.

Im Interview spielen sich die beiden die Erzählparts zu, wie auch in ihren öffentlichen Lesungen. Elmar ergänzt: „1981 sind wir mit einem Freund zur Buchmesse nach Frankfurt gefahren. Da haben wir uns zwei Tage nicht getraut, die Verlage anzusprechen. 100 Millionen Bücher und viele Menschen, die so taten, als wären sie wichtig.“ Als besagter Freund schon weg musste, haben sie sich doch ein Herz gefasst und am ersten Stand jemanden angesprochen. Wie sich herausstellte, den SF-Lektor des Goldmann-Verlages. Dort seien etliche der veröffentlichten Erzählungen erschienen. Später kam es zu den historischen Bestsellern beim Knauer-Verlag, mit dem Iny Lorentz bereits Verträge bis 2018 unter Dach und Fach hat.

Nach ihrem Gastspiel in Iserlohn geht es weiter nach Süditalien, Thüringen und Frankfurt, nicht aus Urlaubslaune, sondern um Material für drei verschiedene Buchprojekte zu sammeln. Die Ideen entwickeln beide gemeinsam, bei Spaziergängen, bei der Autofahrt und anderen Gelegenheiten. „Daraus fertigt Elmar die Rohschrift in mehreren Großkapiteln“, gibt Iny Einblick in den Entstehungsprozess. Ihre „bessere Hälfte“ setzt hinzu: „Iny hat dann zu lesen und Kommentare abzugeben, wir sind in ständiger Kommunikation. Nach der Kritik sind noch die angemerkten Änderungen fällig und historische Namen und Daten zu ergänzen.“ Das betreiben beide ganz gewissenhaft und mit einer eisernen Disziplin, wie sie bestätigen. „Man muss für jede Sache drei Quellen haben. Geschichtsschreibung ist immer tendenziell“, weiß Elmar. Er schildert das weitere Vorgehen: „Sie übernimmt das Manuskript und überarbeitet es, merzt die Brüche aus. So arbeiten wir 14 Mal an jedem Buch – jeder überarbeitet es sieben Mal. “

Wichtig ist den erfolgreichen Unterhaltungsschriftstellern die einfache Sprache: „Sie soll mitziehen. Der Leser soll dran bleiben“, sagt Iny. Die Autorin gibt zu: „Ohne Spaß an der mörderischen Arbeit könnten wir sie nicht leisten. Schreiben ist Schwerarbeit.“

Die gemeinsame Schreibleidenschaft brachte sie in den 70er Jahren zusammen. „Wir waren zunächst Brieffreunde, damals gab es ja noch kein Internet. Ich habe immer so fünf bis sechs Schreibmaschinenseiten an ihn geschrieben“, erzählt die 63-jährige Schriftstellerin in der Rückschau. „Und ich habe ihr in Tonbriefen geantwortet“, sekundiert ihr um drei Jahre jüngerer Ehepartner. „Für mich war es am bequemsten, ich konnte die Tonbänder abends aufnehmen.“

Der gelernte Landwirt führte zunächst den Hof seiner Mutter im oberbayrischen Mühldorf am Inn. Wie seine spätere Frau schreibt er seit seiner Kindheit. „Meine Religionslehrerin weckte mit der großen Pfarrersbibliothek meine Freunde an Büchern“, ist er heute noch dankbar für die vielen Impulse. Elmar Wohlrath arbeitete später als Mess-und Regelmechaniker und dann als Paketfahrer bei der Post, für die er einen 7,5-Tonner durch München kutschierte – für den früheren Bauern, der aus einen Dorf mit drei Bauernhöfen stammte, eine echte Herausforderung. Danach wechselte er in dieselbe Firma seiner Frau, wo beide ein Vierteljahrhundert arbeiteten. Als das Unternehmen im großen Stil Mitarbeiter entlassen wollte, warfen beide ihren „beruflichen Ballast“ ab, wagten den Sprung ins kalte Wasser und machten aus ihrer Berufung einen Beruf – der Erfolg gibt ihnen Recht.

„Seit 2007 leben wir nur noch vom Schreiben“, erzählt Iny. „Und es hat sich gelohnt“. Sie berichtet von einem Burn-out, dem sie in der Folge entkommen sei. Denn seit dem Jahr 2000 hatten sie beide nach Feierabend immer noch viel und lange geschrieben. Und dabei kaum Zeit für ein normales Leben gehabt, um die Energiereserven aufzuladen und mal durchzuschnaufen. Kopfschüttelnd über das damalige Leben im Hamsterrad der Schreibhölle verdeutlich sie das an einem Beispiel: „Wir hatten zwar Geld, aber keine Zeit uns Klamotten zu kaufen. Das haben wir dann auf unseren Recherchereisen gemacht, oder mit Fahrten zu unserer Agentin verknüpft. Gegessen habe ich auf der Arbeit.“

In Iserlohn stellen sie ihr neues Buch „Das goldene Ufer“ vor, den ersten Band einer vierteiligen deutsch-amerikanischen Auswanderersaga. „Dieses Buch erfüllt mich mit großer Freude“, leitet Elmar Lorentz seine Lesung in der Stadtbücherei ein. „Dazu habe ich Bücher gelesen, die ich vor 40 Jahren gekauft habe“, erzählt er weiter. Und dass er bei einer Recherchereise nach Teneriffa beim Einchecken im Flughafen das zulässige Gepäck-Gewicht alleine durch die Menge an mitgenommenen Büchern fast erreicht habe. An ihrem breiten Grinsen ist ablesbar, dass er die gemeinsame Begeisterung für Literatur – nicht nur die eigene - treffend rüberbringt.

Während seine Frau das nächste Kapitel vorliest, krault sich Elmar Lorentz in seinem grauen Schnurrbart, der seinen Mund umspielt, und genießt offensichtlich ihre Art vorzulesen.

„Für die Historienromane sind wir viel durch fast ganz Europa gereist“, erzählt Iny. Neben den Recherchereisen dienen ihnen Bücher, Fotos und DVDs als Hilfsquellen für die Ideensammlung. Aber nach Amerika möchte sie nicht reisen. Das Land und die starken Einreiseprozeduren stoßen sie ab.

Fünf Jahre habe es gedauert, bis sie für „Die Wanderhure“ einen Film-Produzenten fanden. Das Schriftstellerpaar bedauert, dass Bernd Burgemeister den Erfolg nicht mehr erlebte. „Aber sein Sohn Sven konnte dafür zusammen mit Andreas Bareiss sogar den bayrischen Filmpreis einfangen“, berichten sie von einer gewissen Genugtuung.

„Bei uns gibt es keine Trennung zwischen Privatem und Schreiben. Als Schriftsteller ist man 24 Stunden am Tag Schriftsteller“, betont Iny Lorentz, die mit ihrem Mann Elmar eine Symbiose mit ihren Büchern eingeht. „Wir kennen uns seit 1978 und sind jetzt seit 31 Jahren verheiratet. Wir teilen die gleichen Interessen“, beschreibt der Gatte ihre symbiotische Beziehung. „Wir streiten uns sehr selten, nur alle zehn Romane – aber nicht wegen des Schreibens!“, gibt er schmunzelnd bei einer Frage zur Arbeits- und Ehebeziehung zur Antwort.

Und wenn einer von beiden ausfallen würde, was dann? „Ich habe auch schon alleine geschrieben. Aber da hat er die Kontrolle übernommen“, verrät Iny. „Ich wäre langsamer als Elmar.“

Beide engagieren sich in dem Deutschsprachigen Verband der Liebesromanautoren (DeLiA) und in HOMER, einer Vereinigung von Historienschriftstellern: „Die Liebe ist ein Thema das sich durch alle Literaturgattungen durchzieht. Bei DeLiA wird alles akzeptiert, was zwischenmenschliche Beziehungen anbetrifft.“

Was ihre bisherigen Höhepunkte waren? „Meine erste veröffentlichte Kurzgeschichte“, entgegnet Iny. „Die Sache mit dem Gemüse“, setzt ihr Mann hinzu. Um dann zu erläutern: „Ich mag beim Schreiben nicht gestört werden und da schickte unser Verlag uns Blumen, als wir mit der „Wanderhure“ auf Platz 5 der 50-stelligen „Spiegel“-Bestsellerliste standen. Das Originaltaschenbuch hat sich inzwischen zwei Millionen-fach verkauft. Hinzu kommen gut 8 Millionen andere Bücher, Hörbücher und jede Menge ausländische Lizenzen.“

Seit langem nehmen ihre Historienromane führende Plätze in den Bestsellerlisten ein: 10 Hardcover und 16 Taschenbücher. Den Erfolg genießt das Paar gemeinsam in ihrem Bungalow in der Nähe von München oder auf ihren Reisen, unter anderem auch in ihrem rollenden Schlaf- und Arbeitszimmer, ihrem Wohnwagen. Und man nimmt den beiden ab, dass sie noch jede Menge Ideen im Köcher haben.

 
 

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