Was man Angehörigen nicht antun sollte

Über alle Fragen um den eigenen Tod sollte man sich frühzeitig Gedanken machen, um die Hinterbliebenen nicht in Schwierigkeiten zu bringen.
Über alle Fragen um den eigenen Tod sollte man sich frühzeitig Gedanken machen, um die Hinterbliebenen nicht in Schwierigkeiten zu bringen.
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Wennn der Tod kommt, ist die Katastrophe da. Warum nicht früh damit auseinandersetzen?

Iserlohn.  Mit dem eigenen Tod und seinen Folgen beschäftigen sich viele Menschen nur ungern. Noch sind wir jung, noch sind wir gesund und vielleicht sogar beides. Sich jetzt schon mit den Tod zu befassen, hieße fast schon, ihn herbeizureden. Also warten wir erst einmal ab.

Wenn der Tod nun aber doch kommt, plötzlich und unerwartet, wie es in den Anzeigen heißt, dann ist die Katastrophe da. Die Hinterbliebenen, die ohnehin mit der Bestattung und allem, was damit zusammenhängt, alle Hände voll zu tun haben, müssen raten: Gibt es ein Testament? Wo könnte es zu finden sein? Was wird wohl darin stehen?

In eine solche Situation sollte niemand seine Angehörigen bringen. Deshalb halte ich es für die Pflicht jedes erwachsenen Menschen, alle Fragen rund um dem eigenen Tod bereits in ruhigen Zeiten zu klären und in einem Testament festzuhalten. Auch wer kein Testament verfassen möchte, weil ihm die sogenannte gesetzliche Erbfolge genügt, sollte eben dies seinen Angehörigen mitteilen. Wenn niemand weiß, wo man das Testament suchen muss, ist das schlimm, wenn niemand weiß, ob es überhaupt ein Testament gibt, ist das noch wesentlich schlimmer.

Über alle Einzelfragen, die beim Abfassen eines Testamentes zu beachten sind, gibt es reichlich Ratgeberliteratur. Damit werde ich mich hier nicht weiter beschäftigen. Mich interessiert vielmehr, welche Kräfte beim Erben und Vererben ins Spiel kommen, warum es dabei so leicht Streit gibt und wie sich dem entgegenwirken lässt.

Das Testament ist kein Geheimpapier

Überraschungen bei der Testamentseröffnung sind ein beliebtes Thema in Kitschromanen. Da erhält die brave Magd das ganze Schloss und der geldgierige Sohn geht leer aus. So krass wird es im wirklichen Leben kaum kommen, weil ein Sohn nur schwer zu enterben ist. Aber warum wird ein Testament überhaupt als ein Geheimpapier gehandelt? Vermutlich steckt oft eine sadistische Neigung dahinter (im Sinne von: Denen werde ich es zeigen! Die werden sich noch wundern!). Hilfreicher wäre es, seinen letzten Willen beizeiten gegenüber den Angehörigen transparent zu machen: „Ich muss das mit Euch besprechen. Wenn ich einmal sterbe, soll es mit dem Erbe wie folgt gehen.“

Ein schwieriges Kapitel ist das Erben unter Geschwistern. Beim Erben werden die alten Geschwisterrivalitäten wieder lebendig und führen oft zu heftigen Auseinandersetzungen. Nun hat der Jüngste, den Vater schon immer bevorzugt hat, wieder einmal „das größte Stück vom Kuchen“ abbekommen und ich muss mich mit einem kleineren Stück abfinden. Das ist ärgerlich, aber nicht zu ändern. Etwas zu vererben ist nun einmal eine Entscheidung, die autoritär getroffen wird, die ungerecht sein kann, die oft alte Wunden aufreißt und uns leicht wieder in die Rolle eines kleinen Kindes versetzt. Es könnte allerdings hilfreich sein, sich zu verdeutlichen, dass wir inzwischen erwachsene Menschen geworden sind.

Was bedeutet Gerechtigkeit in der eigenen Familie

Manche Eltern versuchen, das Problem der gerechten Verteilung zu vermeiden, indem sie alle Kinder gleich behandeln. Aber bedeutet Gerechtigkeit nicht, Gleiches gleich und Ungleiches ungleich zu behandeln? Wenn eins von zwei Kindern ein gutes Einkommen hat, das andere aber schon lange arbeitslos ist, wäre es da „gerecht“, beiden gleichviel zu vererben?

Es kann durchaus Gründe geben, Kinder ungleich zu behandeln, Gründe, die sich einsichtig machen lassen und - im besten Fall - von allen Beteiligten akzeptiert werden. Eine rein mathematische Gerechtigkeit („jedem gleich viel, dann kann sich keiner beschweren“ ) bleibt immer etwas Mechanisches und wird der Vielfalt des Lebens nicht gerecht. Auch ist das Vererben die letzte Möglichkeit, einem Kind etwas - im positiven Sinne - „zu vergelten”, wenn es sich z. B. bei der Pflege der Eltern mehr bemüht hat, als seine Geschwister.

Manchmal versucht jemand, mit dem Hinweis auf ein künftiges Erbe Druck auszuüben. „Wenn Du dies oder das tust oder lässt, wirst du in meinem Testament schlecht wegkommen.” Das ist eine Erpressung und es gilt die Erfahrung: Wer dem Erpresser den kleinen Finger gibt, von dem nimmt er die ganze Hand. Zum Glück gibt es einen „Befreiungsschlag“: Ich kann die Erbschaft ausschlagen. Wenn es um viel Geld geht mag das schwer fallen, es ist aber manchmal der letzte Ausweg, um „die eigene Seele zu retten“.

In den nächsten Jahren werden etliche Billionen Euro vererbt. Die Nachkriegsgenera­tion, von der so vieles aufgebaut und zusammengetragen wurde, wird uns verlassen. Da erhebt sich die Frage, ob immer nur die eigenen Kinder und Kindeskinder die Er­ben sein sollen. Wenn sie dringend darauf angewiesen sind, liegt es natürlich nahe und ist ein Teil elterlicher Fürsorge.

Wenn aber die eigenen Kinder bereits gut aus­gestattet sind oder wenn ein großes Vermögen zu vererben ist, müssten dann nicht ganz andere Personengruppen in den Blick kommen?

Der Allgemeinheit etwas zurückgeben

Seit einiger Zeit werben Hilfsorganisationen gezielt um Erbschaften. Es ist eine Überlegung wert, ob man beim Vererben einfach einen „gesunden Familienegoismus“ praktiziert oder über den eigenen Tellerrand hinaus, jene Menschen in den Blick nimmt, die es nicht so gut getroffen haben, wie wir.

Vererben kann auch eine Möglichkeit sein, der Allgemeinheit seinen Dank abzustat­ten. Wenn wir es im Leben zu etwas gebracht haben, hat die Allgemeinheit daran Anteil, weil sie uns beispielsweise eine gute Schulbildung oder ein Studium ermöglicht hat. Ihr etwas zurück zu geben, z. B. über eine Stiftung, ist eine Möglichkeit, ihren Anteil an unserem Vorankommen zu würdigen. Angesichts knapper Kassen und zurückgehender öffentlicher Mittel sind viele Einrichtungen dringend auf solche Zuwendungen angewiesen.

Unabhängig von dieser Möglichkeit erhält die Gesellschaft – jedenfalls bei großen Erbschaften – über die Erbschaftssteuer einen Anteil am Erbe. Ob dieser Anteil nicht wesentlich größer sein müsste, ist eine offene Frage. Dass je­mand Millionen erben kann, ohne dafür jemals „einen Finger krumm gemacht zu haben“, passt außerdem schlecht zum Leitbild einer „Leistungsgesellschaft“. Da gibt es noch einiges zu bedenken und zu verändern.

Schade, dass sich die politischen Parteien nicht an dieses heiße Eisen herantrauen.

Was ich vererbe, hinterlasse ich jenen, die noch weiter auf dieser Erde leben. Wenn es gut geht, finde ich eine Lösung, mit der ich selbst gut sterben und mit der die anderen gut leben können.

Selbst etwas zu erben, ist ein Grund zur Dankbarkeit und eine Aufforderung, mit dem Ererbten verantwortlich umzugehen. Dabei gilt es, meine eigenen Interessen mit den Lebenszielen des Verstorbenen in Einklang zu bringen. Die Frage, „was würde der Verstorbene dazu sagen, wie ich mit dem Erbe umgehe?“ kann helfen, eine gute persön­liche Lösung zu finden.

 
 

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