Und leise rieselt wieder die Musik . . .

Weihnachtsdeko im November
Weihnachtsdeko im November
Foto: Michael May
Eine vorweihnachtliche Geschichte zu „Jingle Bells“ & Co.

Louisa betritt die Boutique, ihre Arbeitsstelle. Weihnachtliche Musik tönt ihr entgegen. „Süßer die Glocken nie klingen“. Klar, denkt sie, es ist bald Weihnachten. Auch gut. Immer diese aufdringliche Pop-Musik ist ja ganz schön nervig.

Sie ist jung, trifft in den Beratungen der meist ebenfalls jungen Kundschaft immer deren Geschmack. Musikbeschallung muss sein, die hebt die Kauflust, sagen die Experten. „Jingle Bells“. Menno, denkt sie, ausgerechnet dieser amerikanische Quatsch! Aber da muss man eben durch, sieht sie ein.

Nach einer Viertelstunde und einigen gängigen deutschen Weihnachtsliedern, wieder: „Jingle Bells“. Schon fast missmutig – Louisa muss sich fürchterlich zusammenreißen, um die Kundin freundlich zu bedienen – übersteht sie die „klingelnden Glocken“, um dann ins Büro zu ihrer Chefin zu gehen.

„Was gibt’s?“, schielt die über ihre Lesebrille.

„Ich will mich eigentlich nicht beschweren, und Musik im Laden ist ja gut und Weihnachtsmusik zurzeit natürlich auch. Aber muss alle pupslang ,Jingle Bells’ nerven?“

„Boutique.“ „Hä?“

„Wir haben eine Boutique und keinen Laden.“ „Tschulligung. Und was ist jetzt mit …“

„Kind, die Leute wollen das hören. Und schließlich auch was kaufen. Da musst du ,Jingle Bells’ schon mal aushalten.“

Louisa nickt artig und geht wieder in den Verkaufsraum. Gerade als sie sich mit den „Jingle Bells“ arrangiert hat, erschallt vor dem Geschäft ein Saxophon. Zunächst kann sie gar nicht erkennen, was da gespielt wird, aber dann erkennt sie „O Tannenbaum“. Sie guckt raus in die Fußgängerzone. Gegenüber, vor dem Buchladen, steht ein junger Mann und spielt Saxophon. Weihnachtslieder, klar. Einen Hut hat er vor sich hingelegt. Jetzt: „Bald nun ist Weihnachten“ und „Stille Nacht“. Aha, denkt Louisa, das kennt man, und er spielt es nicht schlecht, soweit sie das beurteilen kann. Aber zu laut! Aber dann – als Viertes: „Jingle Bells“. Louisa atmet tief durch. Du musst das aushalten, schnaubt sie, sonst drehst du durch.

Dann geht’s wieder von vorn: „O Tannenbaum“. Louisa weiß nicht, was sie davon halten soll, zum Glück hat sie im Moment keine Kundschaft. Doch nach „Bald nun ist Weihnachten“ und „Stille Nacht“ gibt’s wieder die „Bells“.

Nach der dritten Runde, der junge Mann hat nur die vier Stücke drauf, hält sie es nicht mehr aus. Sie stürzt aus der Boutique und schreit ihn an: „Mensch, wenn Sie nichts anderes können als die vier Dinger, dann gehen Sie woanders hin!“

Der junge Mann guckt sie verschreckt an, er begreift nichts.

„Für die Leute, die hier vorbeigehen, mag das ja noch gehen, aber für uns dort in dem Laden ist das nicht auszuhalten, immer dasselbe!“

Völlig verschreckt packt der junge Mann sein Saxophon ein und geht weiter. Louisa geht zurück in die Boutique und hört als nächstes: „Jingle Bells!“

 
 

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