„Steinzeit-Menschen in Hugo-Boss-Anzügen“

Vince Ebert
Vince Ebert
Foto: Michael May/IKZ

Iserlohn..  Er kann so herrlich über sich selbst lachen. Und doch merkt man mit jeder Silbe, dass Vince Ebert eine Mission in sich verspürt.

Herr Vince Ebert, ich bin ja kurz über Ihren Vornamen gestolpert. Waren das wirklich die Eltern oder gibt man sich so einen Namen selbst?

Nein, nein, das waren meine Klassenkameraden, weil ich mit 14 ein Riesenfan des Blues- und Boogie-Pianisten Vince Weber war. Damals hat man ja noch Musikkassetten gehabt. Die habe ich überall hingeschleppt und die Leute mit Vince Weber Musik genervt...

Sie sehen sich also nicht als „der über das Leid der Welt Siegende“? Das ist ja wohl der Namensursprung.

Ehrlich? Das wusste ich nicht. Aber das kann man so übernehmen.

Was haben die Eltern gesagt, als Sie unter „Vince“ berühmter wurden?

Die haben sich lange geweigert, haben mich lange noch Holger genannt. Aber irgendwann haben sie aufgegeben und nennen mich jetzt auch Vince.

Das Physik-Studium hat Sie sofort fasziniert, war also keine Notlösung?

Auf keinen Fall. Mathematik, Physik, Ingenieurtechnik – die Richtung war schon klar. Es ist dann eben Physik geworden, weil ich mir gesagt habe, dass das das Universellste ist.

Sie sind aber auch einer der wenigen Schüler, die schon zu Schulzeiten mit großer Begeisterung in die Physikstunde gegangen sind.

Es ist mir auch immer echt leicht gefallen. Vielleicht, weil ich auch immer gute Physiklehrer hatte, die mir den Spaß an der Sache vermittelt haben. Die rübergebracht haben, dass es eben nicht nur um Zahlen und Formeln geht, sondern darum, spannende Fragen zu stellen: Warum ist der Himmel blau? Wieso ist die Nacht schwarz? Warum sollte man keinen gelben Schnee essen?

Dann waren Sie wohl auch ein höchst begehrter Abschreibe-Anbieter?

Ich habe ja auch abschreiben lassen.

Freiwillig?

Klar, ich war nicht der klassische Nerd. Ich war sogar auch gut im Sport. Physikalisch gesehen – bin ich sozusagen ein Messfehler.

Das macht dann einen natürlich auch bei den Mädels attraktiv?

Also ich war nicht unbeliebt, aber so richtig geil finden die das auch nicht, wenn man Physik studiert. Im Studium waren wir 182 Jungs und drei Mädchen. Da wurde Spaß und gute Laune richtig großgeschrieben. Aber wir hatten auf dem Campus die Anglistinnen neben uns, das hat uns über das Studium gerettet.

Als es Richtung Abschluss ging, wussten Sie allerdings immer noch nicht genau, wohin die berufliche Reise tatsächlich gehen sollte?

Als ich an meiner Diplomarbeit und damit auch schon praktisch im Labor gearbeitet habe, wusste ich: ‚Nee, das kann es noch nicht so wirklich sein.’ Nächtelang bei gedimmtem Laserlicht Experimente durchführen und wenn man Glück hat, kommt in 10 Jahren etwas heraus, worüber dann weltweit 20,30 Leute Bescheid wissen. Ich hatte ja im Nebenfach auch noch Astronomie, wusste was über die Entstehungsgeschichte des Universums. Dann der unfassbare Übergang vor 100 Jahren mit der Quantentheorie und der Relativitätstheorie, die ja nicht nur naturwissenschaftliche Theorien sind, sondern auch philosophische. Die Quantenmechanik sagt ja zum Beispiel aus, dass unsere Welt nicht determiniert ist, sondern dass eben auch viel Zufall und Wahrscheinlichkeit drin steckt. Selbst von Einstein kennen wir den Satz: ‚Gott würfelt nicht’, weil er nicht glauben wollte, dass die Welt nicht berechenbar ist. Das fand ich spannend.

Was muss man überhaupt für ein Seelentyp sein, um so etwas zu studieren? Der offene Typ, der sich für alles interessiert oder der sich nur fragend nach innen fokussiert?

Ich glaube, man braucht beides. Ich versuche in meinen Programmen und bei meinen Vorträgen zu zeigen, dass man eine große Kreativität und Offenheit braucht. Zu mir kommen ja auch Leute wie zum Beispiel der Nobelpreisträger Klaus von Klitzing. Und im anschließenden Gespräch stellt sich dann heraus, dass das eben auch unfassbar neugierige Menschen sind. Manchmal wie Kinder. Menschen, die Fragen stellen, auf die ein normaler Erwachsener eigentlich gar nicht kommt. Und gleichzeitig bedarf es auch einer ungeheuerlichen Akribie, um am Ende in der Forschung doch zu belastbaren Ergebnissen zu kommen.

Wie verträgt sich Physik mit Humor?

(lacht laut) Sehr gut. Als ich an der Uni zum ersten Mal ins Physiklabor kam, sah ich ein Schild mit der Aufschrift: „Bitte nicht mit dem verbleibenden Auge in den Laser gucken!“

Was sagen denn andere Wissenschaftler dazu, wenn Sie Formeln u.a. dazu benutzen nachzuweisen, dass es im Himmel wärmer ist als in der Hölle?

Das finden die lustig. Ich hatte bei meinem ersten Programm „Physik ist sexy“ große Angst, dass sich Wissenschaftler auf den Schlips getreten fühlen, weil ich vieles für das Publikum natürlich sehr vereinfachen muss. Aber die, die da waren, hatten tatsächlich ihren Spaß, weil sie auch gemerkt haben, dass ich in der Sache selbst keinen Spaß verstehe. Die Wissenschaft selbst ist mir ernst und wichtig. In Deutschland ist es ja so, dass Sie auf Partys der Knaller sind, wenn Sie sagen: ‚Ich habe Physik in der Sieben abgewählt ,und Mathe habe ich nie verstanden.’ Da wären Sie aber in Amerika, also in der dortigen geistigen Elite, der Depp. Das ärgert natürlich auch bei uns die Wissenschaftler und deswegen finden sie es wahrscheinlich gut, dass ich ihr humoristisches Sprachrohr bin.

Aber der Klerus teilt diese Begeisterung nicht unbedingt.

Sie werden sich wundern, ich war sogar auf dem evangelischen Kirchentag in Hamburg, und die haben sich totgelacht. Wenn ich die Religionen angreife, dann ja meistens die Machtstrukturen oder die Irrationalität von Religionen.

Sie sagen zum Beispiel, dass das mit den sieben Tagen der Schöpfungsgeschichte physikalischer Unfug ist. Und Sie sagen, dass das Leben auf der Erde so abwechslungsreich ist, dass man für die Programmgestaltung keinen Gott braucht. Gehen Sie selbst in die Kirche?

Nein, ich bin Atheist.

Deswegen? Wegen Ihrer physikalischen Überzeugung?

Das ist etwas komplizierter. Als Wissenschaftler bin ich ja Agnostiker, weil ich die Nicht-Existenz Gottes nicht beweisen kann. Ich glaube nicht daran, aber wenn ich eines Tages nach meinem Tod vor dem Schöpfer stehe, sage ich: ‚Eins zu Null für Dich! Du hast gewonnen!’

Themenwechsel. Sie sagen, Sex dient in erster Linie zur Parasitenabwehr.

Frustrierend, oder? Das hat man zum ersten Mal bei Schnecken herausgefunden. Schnecken betreiben normalerweise Selbstbefruchtung, aber stellen bei Parasitenbefall blitzartig auf Sex um. Also „blitzartig“ im Rahmen ihrer Möglichkeiten. Das heißt der Schneckerich macht die Schnecke nicht an, weil sie so ein scharfes Luder ist, sondern weil er die Krätze loswerden will.

Beischlaf statt Wurmkur?

Der Gag liegt ja in der Luft. Jeder romantisiert den Sex, dabei ist Liebe nur ein schmutziger hormoneller Trick, um die Fortpflanzung zu garantieren.

Apropos. Haben Sie denn erst einen Gag und suchen dann den wissenschaftlichen Bezug dazu, oder geht’s eher umgekehrt?

Manchmal gibt es wissenschaftliche Tatsachen, da braucht es kaum noch eine Zutat. Nehmen Sie diese besondere Tintenfisch-Art, wo die schwachen Männchen zur Paarung niemals in die Nähe der streng von Alpha-Männchen bewachten Weibchen kommen würden. Was machen sie? Sie ändern die Farbe und geben vor, auch ein Weibchen zu sein - und kommen so ran. Quasi vom Tinten- zum Tuntenfisch. Das kennen wir : Bei uns heißt das „Kölner Karneval“.

Sie widmen sich aber auch ernsten Themen wie Klimawandel und Erderwärmung. Nimmt man Ihnen Ihre Meinung mit Humor leichter ab?

Ich rede in der Tat oft darüber. Und beim Klimawandel missfällt mir in erster Linie die Verbindung von Wissenschaft und Politik. Manche Klimaforscher reden nicht wie Wissenschaftler, sondern wie Politiker. Ein Meteorologe hat mir erzählt, dass man für Forschungsprojekte, die nicht das CO2 als Ursache in den Mittelpunkt stellen, nur sehr schwer Forschungsgelder bekommen. Das hat mit Wissenschaft nicht sehr viel zu tun. Da muss man dann auch die Humorebene mal verlassen können, um einige Statements klar zu setzen.

Sie sagen auch, dass Politiker die Klimakatastrophe lieben.

Genau, weil sie Dinge und Gesetze beschließen und Verwaltungen aufbauen können. Und wenn sich in 50 Jahren herausstellt, dass das alles gar nicht so war, sind sie schon längst nicht mehr da. Wir Deutschen sind da besonders hysterisch. Auf der einen Seite staunen wir über die amerikanische Terror-Hysterie, auf der anderen fährt Mutti bei uns in den Baumarkt und kauft Geigerzähler, wenn in Japan ein Atomkraftwerk hochgeht.

Sind Sie selber jemand, der sich ungern was vorschreiben lässt?

Ja. Ich bin als Unternehmensberaters ausgestiegen, weil ich einen Vorgesetzten hatte, der mir sagte, was ich zu tun und zu lassen habe.

Haben Sie ein Harmoniebedürfnis?

Klar. Ich habe mich ja irgendwann mal als klassisch Liberaler geoutet. Ob das der FDP gefällt oder nicht. Ich bin u.a. für freie Marktwirtschaft und Meinungsfreiheit. Was eben wiederum nicht allen gefällt. In Foren wurde ich dann schon mal als neoliberales A*** bezeichnet. Auf Dauer habe ich wenig Lust, diese Projektionsfläche zu bieten.

Sie werden oft als Comedian bezeichnet. Treibt Ihnen das angesichts vieler anderer gediegener Vertreter dieser Gattung manchmal Schauer über den Rücken?

Ja, aber auch mit „Kabarettist“ hätte ich mein Problem. Kabarettisten sind in Deutschland die, die viel Geld verdienen, indem sie sich auf der Bühne beschweren, dass die Schere zwischen Arm und Reich so weit auseinandergeht. Nein, ich sage dann schon eher: ‚Ich betreibe Erwachsenenbildung’.

Wie viel Zeit investieren Sie selbst noch, um zu lernen?

Jede Menge, ich bin ein Lese-Junkie. Ich lese jeden Monat wenigsten acht , neun Sachbücher, informiere mich auch bei anderen Wissenschaftlern über interessante Themen.

Zufälle gibt es nicht wirklich?

Nein, nein, das stimmt so nicht. Ich sage, dass wir Zufälle nicht mögen. Unser Gehirn, im Kern ja eigentlich eine Verknüpfungsmaschine von Ursache und Wirkung, mag sie nicht. Wir haben einfach kein Sinnesorgan für den Zufall.

Gibt es etwas, das Sie es ums Verrecken nicht begreifen?

Mein Thema ist ja, warum wir so irrational sind, Steinzeitmenschen in Hugo-Boss-Anzügen, die so wider besseres Wissen wenig an Fakten interessiert sind. Wie Gynäkologen, die an Jungfrauengeburten glauben.

Womit kann man Sie böse machen?

Wenn der Staat die Steuer erhöht. (lacht laut) Im Ernst: Wenn man mich nicht in Ruhe lässt. Zum Beispiel mit emotionaler Erpressung, mich manipulieren will.

Sind Sie Einzelkind, einsamer Wolf?

Ja schon. Ich brauche nicht viele Leute um mich herum. Ich habe ein paar wirklich gute Freunde, aber ich muss mich nicht jeden Abend mit Leuten treffen, wenn ich frei habe. Ich brauche Freiraum.

Hält die Naturwissenschaft für uns ein Gesetz bereit, das uns hilft, leichter, gesunder oder sicherer durchs Leben zu gehen? Dann sagen Sie es bitte jetzt.

Also gut! Wenn man das Gravitationsgesetz kennt, springt man nicht vom Dach. Scherz beiseite: Wissenschaft macht demütig, sie zeigt uns, wie wenig wir eigentlich wissen und ist ein große Schule gegen den Hochmut.

 
 

EURE FAVORITEN

Warum sich die Polizei bei Fahndungen nicht direkt an die Öffentlichkeit wendet

Öffentlichkeitsfahndungen: Annika Koenig, Sprecherin der Polizei Essen, erklärt unter welchen Umständen die Polizei sich bei der Suche nach Tatverdächtigen oder Vermissten an die Bürger wendet.
Mi, 19.09.2018, 16.32 Uhr

Öffentlichkeitsfahndungen: Annika Koenig, Sprecherin der Polizei Essen, erklärt unter welchen Umständen die Polizei sich bei der Suche nach Tatverdächtigen oder Vermissten an die Bürger wendet.

Beschreibung anzeigen