Zu wenig Hilfe bei Burnout

Burnout-Patienten in Düsseldorf derzeit 9,2 Wochen auf einen (ersten) Termin beim Experten warten.
Burnout-Patienten in Düsseldorf derzeit 9,2 Wochen auf einen (ersten) Termin beim Experten warten.
Foto: WR/Franz Luthe
Immer mehr Düsseldorfer gehen zum Psychotherapeuten. Doch die Wartezeiten sind lang. 9,2 Wochen – für eine erste Sitzung.

Die Doppelbelastung als Regisseur und Intendant des Schauspielhauses war ihm einfach zu viel geworden: Vor knapp einem Jahr hat Staffan Valdemar Holm wegen eines Burnouts seinen Posten nach nur kurzer Amtszeit niedergelegt. Doch Holm ist nur ein (prominentes) Beispiel von vielen. Denn immer mehr Düsseldorfer suchen wegen einer depressiven Erkrankung – oft mit einem Burnout gleichzusetzen – den Weg zum Arzt, teilte jetzt die Psychotherapeutenkammer NRW mit. „Es ist nicht so, dass die Erkrankungen zugenommen hätten“, sagt deren Präsidentin Monika Konitzer. „Aber vor allem junge Menschen gehen heutzutage offensiver mit ihrer Erkrankung um.“

Das Problem: Weil die Anzahl der Burnout-Diagnosen rapide steigt, müssen Patienten in Düsseldorf derzeit 9,2 Wochen auf einen (ersten) Termin beim Experten warten. „Allerdings sei schon dieses erstes Gespräch sehr wichtig für den Patienten“, sagt Konitzer.

In der Landeshauptstadt zählt die Kassenärztliche Vereinigung derzeit 81 niedergelassene ärztliche Psychotherapeuten und 49 Nervenärzte. Hinzu kommen noch die nichtärztlichen Psychotherapeuten: 175 psychologische Psychotherapeuten und 22 Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeuten.

9367 Mal wurde im Jahr 2012 im Bereich der Kreisstelle Düsseldorf die Diagnose mit dem Schlüssel Z 73, „Probleme mit Bezug auf Schwierigkeiten bei der Lebensbewältigung“, gestellt – übrigens in der Regel vom Hausarzt. 2011 waren es noch 8756 Fälle. Eine weitere, alarmierende Zahl: Mittlerweile werden 42 Prozent der Düsseldorfer Frührentner eben wegen einer psychischen Erkrankung vorzeitig aus ihrem Job entlassen.

Der Düsseldorfer Verkehrspsychologe Kai Lenßen hat mit seinem Team ein Verfahren entwickelt, mit dem man Stressfaktoren am Arbeitsplatz per Online-Umfrage messen kann. Die Fragen beziehen sich sowohl auf die Arbeitsaufgaben und -mittel, als auch auf die Arbeitsorganisation und die physische und soziale Arbeitsumgebung (siehe Infokasten). „Es geht also darum, ob die vorhandenen Arbeitsbedingungen für den Menschen grundsätzlich zumutbar sind und nicht um Personenmerkmale“, so Lenßen, der seine Messungen als Dienstleistung für die Unternehmen sieht. Er sagt: „Schon die Kosten für einen nicht adäquat behandelten depressiven Patienten betragen – volkswirtschaftlich gesehen – rund 13 700 Euro.“

Das Lenßen-Team stellt die Fragebögen für etwa drei Wochen im Internet bereit, und die Belegschaft kann – aus dem Büro oder von zu Hause aus – über den Bildschirm verfolgen, wie viele Kollegen schon teilgenommen haben. Bei Bedarf können – anonym – Anmerkungen zum Verfahren gemacht oder auch Fragen gestellt werden. Die Ergebnisse werden schließlich von Psychologen und Statistikern ausgewertet und den Unternehmen vorgestellt. „Erstes Ziel dabei ist“, so Lenßen, die beeinträchtigenden Situationen am Arbeitsplatz zu erkennen, zu akzeptieren – und schließlich zu minimieren.“

Für den Düsseldorfer Experten kann es nicht angehen, dass beim Thema Burnout oder depressive Erkrankung das Hilfeangebot derart schlecht ist. „Das Angebot an Psychotherapeuten wird auf Kosten der psychisch erkrankten Menschen künstlich knapp gehalten“, kritisiert Lenßen. Dabei gäbe es wissenschaftlich hoch qualifizierte Fachleute wie Gesprächspsychotherapeuten, die aus dem Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenversicherung kategorisch ausgeschlossen werden. „Das ist ein Unding!“

 
 

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