Zwischen den Tönen liegt die Musik

Witten.. Abdullah Ibrahim ist kein junger Mann mehr – seine 76 Jahre stehen ihm gut. Würdevoll und bedächtig betritt er im dunklen Anzug die Bühne in der Uni. Die volle Aula klatscht voller Vorfreude und noch in den Applaus hinein setzt Ibrahim seine ersten Töne.

Die Tasten tanzen unter seinen zarten Berührungen. Es braucht die ersten fünf Minuten, bis der Flügel ganz dem Starjazzer gehört. Dann aber bildet sich eine Einheit, in die die Zuhörer förmlich hineingesogen werden. Abdullah Ibrahims linke Hand spielt einen ruhig atmenden Rhythmus, nicht starr durchgeklopft, sondern herzschlagend-dynamisch.

Seine Rechte setzt darauf Melodielinien, die verzaubern. Ganz Altmeister, muss Ibrahim niemandem Virtuosität beweisen, sondern verschreibt sich ganz dem innigen Musizieren. Das kreisenden Bewegungen nachgehende Melodiespiel baut einen Raum auf, in dem sich das Publikum mit der Musik verbinden kann.

Der in Kapstadt geborene Pianist zählt zu den Größen der Szene. Seine Welttournee umfasst den gesamten Globus. Dabei ist ihm besonders die Nähe zur Klassik eigen. Sein Jazz hat wenig des in die Glieder gehenden Groove. Vielmehr schmiegt er sich unaufdringlich getragen an die Zuhörer. Das Auditorium lehnt sich zurück und steigt ein in den Zug aus Musik.

Abdullah Ibrahim lässt die Melodien ineinander übergehen. Er spielt knapp 90 Minuten - ohne abzusetzen. Seine Treffsicherheit, jeden Moment ganz eigen zu gewichten, jedem Ton eine Stellung zum Ganzen zu geben, ist verblüffend. Er nutzt die Mehrstimmigkeit des Flügels im Verein mit den ungezwungenen Tonalitäten des Jazz, wechselt frei die Register und bahnt sich den Weg zu interessanten Wechseln und Pointierungen.

So ergibt sich ein szenisches Bild, frei und schön. Vom ruhigen Atemrhythmus geht es zum doppelt getakteten Hin-und-her-Swing, nahtlos und dennoch ohne Bruch. Die Metamorphosen, die Umwandlungen, sie geschehen wie beiläufig und zeigen sich doch als unterschwellige Hauptfigur.

Die strahlende Klarheit von Abdullah Ibrahims Ton überzeugt auf allen Ebenen. Die Tiefe, in die der Zuhörer einsteigen kann, kennt keinen Boden und gleicht einem schwebenden Traumhöhenflug. Das Ende kommt unvermittelt. Es hätte noch Stunden so weitergehen können.

Stehend applaudierend fordert das Publikum eine über zehnminütige Zugabe. Abdullah Ibrahim hat die Zuhörer in seinen Bann gespielt.

 

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