Zur Zwangsarbeit in Witten, als Ehepaar nach Holland

Die Russin Galina Korjakowa und der Niederländer Geert van Bremen, die sich als Zwangsarbeiter in Witten kennengelernt hatten, heirateten 1945 in einem Nonnenkloster in der Nähe von Venlo.
Die Russin Galina Korjakowa und der Niederländer Geert van Bremen, die sich als Zwangsarbeiter in Witten kennengelernt hatten, heirateten 1945 in einem Nonnenkloster in der Nähe von Venlo.
Foto: Funke Foto Services
Die Russin Galina Korjakowa und der Niederländer Geert van Bremen leisteten Zwangsarbeit im Wittener Gussstahlwerk. Die Geschichte einer großen Liebe.

Es ist die Geschichte einer großen Liebe, die in Kriegszeiten begann, 1943 in Annen. Der Niederländer Geert van Bremen verliebt sich in die Russin Galina Korjakowa, die er wohl im Lager Hamburgplatz kennenlernte und die – wie er – Zwangsarbeit im Annener Gussstahlwerk (AGW) leisten musste. Eine Liebe, die weder die Nazis, noch die Wirren des Kriegsendes zerstören konnten. Der Sohn des Paares, Jan van Bremen, besuchte gestern Witten, gemeinsam mit dem ehemaligen niederländischen Zwangsarbeiter Berend Proper, ein Freund seiner verstorbenen Eltern.

Der 91-jährige Proper, der im holländischen Dorf Olst in der Nähe von Deventer lebt, leistete von Juni 1943 bis Kriegsende Zwangsarbeit im Gussstahlwerk und lernte dort auch seinen Landsmann Geert van Bremen kennen, der im Werk als Kranführer eingesetzt wurde. Dass Berend Proper nach der Befreiung durch die Amerikaner 1945 per Zufall auch Trauzeuge van Bremens werden sollte, das hatten sich die Männer 1943 wohl in ihren kühnsten Träumen nicht vorstellen können.

Zwölf Stunden Arbeit täglich

Berend Proper kam im Mai 1943 mit einem Laster und anderen Zwangsarbeitern in Witten an. Ein 19-Jähriger, der von Beruf Buchhalter war, und nun lernen musste, „mit Eisen und Stahl umzugehen“, wie er auf Deutsch erzählt. Sechs Tage in der Woche habe er jeweils zwölf Stunden lang arbeiten müssen, unterbrochen nur durch eine halbe Stunde Pause und mit Kohl im Magen. „Etwas anderes gab es nicht.“ Sonntags, sagt er, habe man frei gehabt, sich mit anderen treffen können. Eine Gelegenheit, die wohl auch die Eltern Jan van Bremens nutzten. Was der 57-jährige Sohn weiß: „Mein Vater war fasziniert von den schönen dunklen Haaren meiner Mutter, sie verständigten sich wohl mit Händen und Füßen.“

Die Russin hatte damals schon Traumatisches hinter sich, musste erleben, wie ihr Dorf nahe der Stadt Brjansk von Deutschen niedergebrannt, Dorfbewohner, auch Alte und Kinder, ermordet wurden. Die junge Frau wurde mit dem Zug über Minsk nach Deutschland deportiert, wo sie in Annen – wie Mutter und Schwester – für die deutsche Rüstungsindustrie arbeiten musste. Untergebracht war Galina Korjakowa im Lager Hamburgplatz, das an der ehemaligen Hermann-Göring-Straße, heute Bebelstraße, lag. Später kam sie in das sogenannte „Russenlager“ an der Westfeldstraße.

Wiedersehen im Bahnhof Hannover

Berend Proper erinnert sich auch an die Häftlinge des Außenkommandos des Konzentrationslagers Buchenwald in Annen. „Die Menschen haben alles hergegeben, um etwas zu essen zu bekommen. Im Winter schützten sie sich mit Papier vor der Kälte. Das war schlimm. Da sind viele gestorben.“

Der Einmarsch der Amerikaner im April 1945 beendete dieses Leid und Elend. Die Zwangsarbeiter seien in ihre Heimatländer zurückgeschickt worden. „Ich bin mit einem Handkarren nach Holland gelaufen“, so Berend Proper. Geert van Bremen wollte seine große Liebe nicht an Russland verlieren. Sein Sohn: „Er hatte sich ein Fahrrad besorgt. Meine Mutter traf er auf dem Bahnhof Hannover, wo sie mit ihrer Mutter und Schwester auf einen Zug wartete.“ Auf dem Bahnsteig bat der Niederländer die Russin, ihm nach Holland zu folgen. „Nur durfte sie dort nicht als unverheiratete Frau einreisen.“ Das Paar gab sich in einem Nonnenkloster in der Nähe von Venlo das Ja-Wort. Ein amerikanischer Kaplan traute sie. Berend Proper, der zufällig auch dort war, wurde Trauzeuge.

Der 91-Jährige, der gestern mit seiner Frau, seiner Tochter, dem Schwiegersohn und seiner Enkelin nach Witten kam, hat seine Erinnerungen an die Kriegszeit in der Ruhrstadt niedergeschrieben und diese dem Stadtarchiv geschenkt. Archivleiterin Dr. Martina Kliner-Fruck war mit den niederländischen Gästen am Freitag nach Annen gefahren, um dort noch einmal die Orte aufzusuchen, die Berend Proper und van Bremens Eltern nie vergessen konnten.

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