Zeltfestival Ruhr zieht um Punkt 22 Uhr den Stecker - Zuschauer verärgert

Jürgen Augstein
Noch feiern sie ausgelassen – aber um Punkt 22 Uhr ist damit Schluss. Denn dann zieht das Zeltfestival Ruhr den Stecker.
Noch feiern sie ausgelassen – aber um Punkt 22 Uhr ist damit Schluss. Denn dann zieht das Zeltfestival Ruhr den Stecker.
Foto: WAZ FotoPool / Ingo Otto
Einige Zuschauer ärgern sich, weil die Konzerte beim Zeltfestival Ruhr überpünktlich enden. Und das, obwohl manche Band gerne noch etwas länger gespielt hätte. Sowohl Veranstalter als auch die Stadt Witten betonen jedoch den Anwohnerschutz – selbst am Kemnader Stausee.

Witten. Wolfgang Niedecken, Kopf der Kölner Gruppe Bap, hätte nach einem zweieinhalbstündigen Konzert beim Zeltfestival Ruhr am liebsten einfach weitergespielt. „Tut uns leid, dass wir auf die ein oder andere Nummer am Schluss verzichten müssen“, sagte er - und den 3000 Zuschauern tat’s wohl auch leid.

Für Live-Musik ist in ganz Witten draußen Punkt 22 Uhr Zapfenstreich. Das Wittener Ordnungsamt kennt da kein Pardon - auch nicht beim Zeltfestival Ruhr. Nun sind die Kölsch-Rocker allerdings auch bekannt dafür, dass sie gar nicht mehr von der Bühne runterkommen. Stefan Stoppock hätte neulich ebenfalls gern noch so manche Zugabe drangehängt, wenn er nur gedurft hätte. Bap hat zwar schon um sieben angefangen (andere um 20 oder sogar erst um 20.30 Uhr), aber mit Pause wird’s dann am Ende doch noch für sie eng.

Wen gilt es am See zu schützen?

Die Stadt Witten verweist als zuständige Genehmigungsbehörde - obwohl viele Künstler irrtümlich immer vom Veranstaltungsort Bochum sprechen - auf das Landesimmissionsschutzgesetz, das den Lärm regelt. Hier geht es um Paragraf neun und das legt die Nachtruhe fest - von 22 Uhr bis sechs Uhr in der Früh. So einfach ist das. Und so schwer. Zumindest für jene Gäste, die nicht verstehen, warum man immer dann aufhören muss, wenn es am schönsten ist. Pamela Falcon habe man sogar noch während des Konzerts den Saft abgedreht, empört sich ein Besucher aus Herbede.

Dass gerade in der Innenstadt der Anwohnerschutz großgeschrieben wird - geschenkt. Aber wen gilt es, am See zu schützen? Die quakenden Frösche? „Auch dort gibt es Anwohner, die Rechte haben“, sagt Tobias Paschkowsky, der die Genehmigungen für solche Veranstaltungen beim Ordnungsamt erteilt. Schon ein Kläger reiche, sagt er. „Und wenn einer klagt, wird er Recht kriegen.“ Der Stadtbedienstete hat Erfahrung.

Auch bei Oktoberfest ist um 22 Uhr Schluss

Ein Streit etwa über den Lärm bei Himmelfahrts- oder Zwiebelkirmes ging über drei lange Jahre. Die heutige Regelung soll alle zufriedenstellen: Karussells und Kirmesbummel bis 23 Uhr, aber keine Musik mehr nach 22 Uhr. „Wenn noch Passanten rumlaufen, ist das ja auch schon eine Störung der Nachruhe“, sagt der Mann vom Amt - und will damit ausdrücken: Eigentlich sind doch noch alle ganz gut bedient.

Mit der strikten Regelauslegung, die nicht nur für Witten gilt, können die Zeltfestival-Veranstalter übrigens „sehr gut leben“, wie Heri Reipöler (51) versichert. Das sei so mit dem Ordnungsamt abgesprochen. Man könne in bestimmen Fällen zwar eine Ausnahmegenehmigung erwirken, „aber das wollen wir bei 17 Tagen gar nicht“. Für die Künstler sei die Zeit kein Problem, sie könnten ihr ganzes Programm spielen. Entscheidend für Reipöler: Die 22-Uhr-Regelung sei für Nachbarn eine „verlässliche Größe“.

Der Besucher aus Herbede wäre übrigens nicht nur auf dem Bap-Konzert gerne länger geblieben. Beim Oktoberfest dürfe auch keine Musik mehr nach zehn Uhr draußen gespielt werden. Dabei sei eh das ganze Dorf auf den Beinen.