Wittener rettet Flüchtlinge aus dem Mittelmeer

Mit der deutschen Marine war Dr. Babak Khaltabari sechs Wochen im Mittelmeer zwischen der italienischen Küste und Libyen unterwegs.
Mit der deutschen Marine war Dr. Babak Khaltabari sechs Wochen im Mittelmeer zwischen der italienischen Küste und Libyen unterwegs.
Foto: Khaltabari
Babak Khaltabari, gebürtiger Wittener, hat bei der „Operation Sophia“ mitgemacht. Er konnte erleben, wie Flüchtlinge aus dem Mittelmeer gerettet wurden.

Witten.. Kabul in Afghanistan oder Islamabad in Pakistan: In vielen Top-Krisengebieten der Welt hat Dr. Babak Khaltabari schon gearbeitet. „Aber solche Krankheiten oder grausigen Folterspuren, wie bei einigen Flüchtlingen auf dem Mittelmeer, habe ich zuvor nie gesehen“, erzählt der 41-Jährige. Der gebürtige Wittener hat bei der „Operation Sophia“ sechs Wochen lange Menschen aus Seenot gerettet und versucht, Schleusern das Handwerk zu legen.

Auch wenn es teils schockierenden Erfahrungen waren: „Ich halte es für eine der besten Entscheidungen meines Lebens. Ich würd’s jederzeit nochmal machen und bin auch schon wieder angefragt worden“, so der Politologe, der im Staatssekretärsbüro des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) in Berlin arbeitet.

Kinder mit eingeritzten Nummern

Die Schiffe, Flugzeuge und Hubschrauber der „Operation Sophia“ werden auf hoher See bzw. im Luftraum zwischen Libyen und der italienische Küste eingesetzt. Insgesamt beteiligen sich 22 europäische Nationen mit rund 1800 Soldaten und Zivilpersonal daran. Seit Beginn der Mission im Mai 2015 wurden von ihnen über 12.000 Flüchtlinge aus Seenot gerettet. Allein 842 Rettungen gingen auf das Konto jener Besatzungen, mit denen der Wittener Reserveoffizier auf der sechswöchigen Tour war.

Dabei hat Khalatbari schlimme Schicksale hautnah mitbekommen: „Viele der Flüchtlinge waren traumatisiert. Darunter Frauen, die Massenvergewaltigungen erlebt haben oder junge Mädchen, die bereits für die Prostitution vorgesehen waren. Und es gab minderjährige Alleinreisende, denen hatten die Eltern ihre Telefonnummern in die Arme geritzt. Damit sie wieder Kontakt aufnehmen konnten, wenn die Kinder das rettende Europa erreichten.“ An fünf Zentralpunkten auf Sizilien seien die geretteten Asylsuchenden dann den Behörden übergeben worden. „Es kamen 70 Prozent mehr Jugendliche als im Vorjahr“, betont der Reserveoffizier. Die Behörden seien häufig überlastet gewesen, besonders mit der Unterbringung von alleinreisenden Minderjährigen und Frauen.

Gutes Zeugnis für die deutsche Marine

Der deutschen Marine stellt der weitgereiste Politiologe ein erstklassiges Zeugnis aus: „Sie hat hochprofessionell gearbeitet. Auch deshalb ist trotz der ganzen Anstrengung nichts schiefgegangen.“ Besonders lobt der Arztsohn aus Bommern den Fregattenkapitän Schmekel: „Ein umsichtiger, sehr effizienter Typ“, sei der Mitte-40-Jährige. „Der richtige Mann am richtigen Ort.“

Was auch nötig sei: Denn von Libyens Küste aus, wo sie kreuzten, würden über 90 Prozent der Flüchtlinge aus Afrika nach Europa übersetzen. „Deshalb ist dort auch die höchste Todesrate. Viele dieser Menschen erleiden einen stillen Tod im Mittelmeer“, so Khalatbari, der von insgesamt 4000 Ertrunkenen dort spricht. Bei der „Mission Sophia“ habe er Szenen erlebt, wo Leute „wie Vieh zusammengepfercht“ aufgefunden worden seien.

„Drei-Klassen-System“ bei Bootsflüchtlingen

Es gebe eine Art „Drei-Klassen-System“ bei den Bootsflüchtlingen: Die so genannten „Pauschalreisenden“, die 5000 bis 6000 Dollar hinblättern könnten und sehr schnell nach Europa gebracht würden. Dann die „Wanderarbeiter“, die sich von Land zu Land zur Küste durchschuften würden, in erbärmlichem körperlichen Zustand seien und so lange ausgepresst würden, bis sie als Entgelt ein Ticket bekämen. Schließlich die „versprengten Minderheiten“. Das seien „ausschließlich Männer, um die 30. Vom Ölarbeiter bis zum Ingenieur.“

Und wie haben Babak Khalatbaris Ehefrau und die beiden Kinder die sechswöchige Abwesenheit ertragen? „Meine Frau hat gesagt: Jede weitere Woche wäre schmerzhaft gewesen. Das hier war gerade noch tolerierbar.“

 
 

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