Wittener Publikum steht hinter Kritiker Thöns

Volles Haus in der Mayerschen: Die Lesung von Dr. Matthias Thöns (vorn, M.) war seit Monaten ausverkauft.
Volles Haus in der Mayerschen: Die Lesung von Dr. Matthias Thöns (vorn, M.) war seit Monaten ausverkauft.
Foto: Barbara Zabka
Bei der Lesung aus seinem von Ärzten kritisierten Buch erfährt der Palliativmediziner nur Zustimmung. Zuhörer berichten von eigenen Erfahrungen.

Witten..  Kaum war das Buch des Palliativmediziners Dr. Matthias Thöns auf dem Markt, hatte ihm die Wittener Ärzteschaft bei einer Diskussionsrunde in unserer Redaktion Pauschalkritik und Diffamierung vorgeworfen. Nun traf Thöns am Donnerstagabend bei seiner Lesung in der Mayerschen auf ein Publikum, das voll und ganz hinter dem steht, was er in „Patient ohne Verfügung – Das Geschäft mit dem Lebensende“ schreibt.

„Das, was er sagt, ist genau richtig. Gegen die Weißkittel kann man nicht anstinken“, sagt der 67-jährige Zuhörer neben mir gleich zu Beginn. Die beiden Frauen, mit denen er da ist, stimmen zu: „Ich habe viele Jahre als medizinische Assistentin im Marien-Hospital gearbeitet. Alle Punkte, die in dem Buch wiedergegeben sind, entsprechen der Wahrheit“, sagt die 73-Jährige. Im Übrigen habe sie Thöns schon als Studenten kennengelernt. Dass er mit seinen Aussagen in irgendeiner Form blenden wolle, halte sie für ausgeschlossen.

Lesung seit Monaten ausverkauft

Was Matthias Thöns (49) zu sagen hat, interessiert die Bürger offenbar über alle Maßen. Nicht nur ist sein Buch bereits in der siebten Auflage erschienen, war die Lesung schon Monate im Voraus ausverkauft: „Wir hätten mehrere Termine machen können. Bis heute kamen täglich Anfragen“, sagt Buchhändler Martin Meyer bei der Begrüßung. Noch nie habe er erlebt, dass das Buch eines Wittener Autors so stark diskutiert werde.

Auch an diesem Abend hängen die Zuhörer an seinen Lippen, als der Mediziner sie mit niederschmetternden Zahlen und Studien zur Geschäftemacherei mit Apparatemedizin, Krebsbehandlungen und Operationen bombardiert. Mit echten Fällen und schrecklichen Bildern aus seiner täglichen Arbeit belegt er, was er sagt. Nicht ohne zwischendurch zu betonen: „Nicht alle Ärzte sind schlecht.“

Richtig Abschied nehmen ist ganz wichtig

In der anschließenden Diskussionsrunde appelliert eine ehrenamtliche Hospizhelferin aus dem Publikum an die anderen Zuhörer: „Begleiten Sie den sterbenden Menschen und lassen Sie ihn, wenn möglich, nicht im Krankenhaus allein.“ Eine Frau, inzwischen Witwe, schildert, wie ihr kranker Mann in einem Wittener Pflegeheim bis zu seinem Tod wunderbar versorgt wurde – auch von Matthias Thöns. „Ich hatte Glück“, sagt sie. Das gilt auch für Astrid Mebrius (53), die sich, wie so viele, ihr Buch zum Schluss signieren lässt.

Die Herbederin ist nicht nur examinierte Altenpflegerin, sondern auch Palliativ-Care-Fachkraft. Sie sagt: „Wenn Sie ins Krankenhaus gehen, sind Sie verloren.“ Ihr Vater bekam die Diagnose Krebs aus heiterem Himmel – ohne Chance auf Heilung. „Er hat in eine Strahlentherapie eingewilligt, aber fürchterlich gelitten.“ Zuhause sei es ihm dann gut gegangen. Natürlich hat die Tochter ihn begleitet, unterstützt vom Palliativnetz Bochum. Er lag im Wohnzimmer, in einem Pflegebett. „Als er starb, habe ich neben ihm geschlafen.“ Viele Stunden habe die Familie danach mit ihm verbracht und Abschied genommen. „Das ist ganz wichtig“, sagt sie. Und: „Wenn ich irgendwann auch so sterben dürfte...“

 

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