Wittener Projekt will Schulabgänge verhindern

Sie alle machten bei der Entwicklung der „Schatzkiste“ mit: Mitarbeiter der Wittener Grund- und weiterführenden Schulen mit den neuen Materialien am Montag im Ratssaal.
Sie alle machten bei der Entwicklung der „Schatzkiste“ mit: Mitarbeiter der Wittener Grund- und weiterführenden Schulen mit den neuen Materialien am Montag im Ratssaal.
Foto: WAZ/FotoPool
Zu viele Eltern wählen die falsche Schulform für ihr Kind. Die Folge: das „erste richtig fette Scheitern im Leben“. Ein neues Projekt erleichtert Wittener Viertklässlern nun den Übergang zur weiterführenden Schule.

Witten.  „Abschulen“ meint, wenn Kinder an ihrer weiterführenden Schule nicht mitkommen und zu einer anderen Schulform „runter“ müssen. Das „erste richtig fette Scheitern im Leben“, so Schuldezernent Frank Schweppe, möchte Witten seinen Schülern gern ersparen. Das Projekt „Schatzkiste“ soll künftig allen Viertklässlern den Übergang zur weiterführenden Schule erleichtern.

Landeschefin Hannelore Kraft hatte die Wittener Bewerbung neben 17 Ideen aus anderen Kommunen aus NRW ausgewählt. Land und Stadt finanzieren nun das Projekt, das seit 2012 im Jugendamt erarbeitet wird. Mit dabei sind Lehrer, Schulsozialarbeiter, Jugendhilfemitarbeiter. Ihre Erkenntnis: Bei der Schulwahl sollte man den Blickwinkel des Kindes annehmen und nicht länger „in Institutslogik“ denken.

Die Lehrer wünschen sich ein „Handwerkszeug“, mit dem sie Eltern oder Kinder besser einschätzen können. Etwas Persönliches und eben nicht nur Schulnoten. Und die Eltern hätten gern mehr Sicherheit. Das Ergebnis sind die „Schatzkisten“, braune Pappschachteln, die nun an die Viertklässler in allen 17 Wittener Grundschulen verteilt werden.

Darin darf das Kind ausfüllen: einen Steckbrief namens „Das bin ich“. Bei „So lerne ich am besten“ werden Lernmethoden abgefragt. Wünsche und Vorstellungen zur neuen Schulen dürfen aufgeschrieben werden. Das Beste aber sind die „Wutmonster“. Die gefräßigen Viecher zeichnete Gabriele Jennert-Thoma vom Controlling der Stadtverwaltung. Man kann sie ausmalen und in den großen Mund seine Ängste notieren.

Henrike Pfordt vom Jugendamt hat die „Schatzkiste“ mit Dritt- und Viertklässlern im Haus der Jugend getestet. „Ich hasse es, wenn ich aufs Klo will und andere die Tür zuhalten“, schreibt da ein Kind. Ein anderer Stöppke notiert: Wenn man wütend ist, hilft „atmen bis zehn“ und „fünf mal sich drehen“. Umut notiert: „Ich bin Schalke 04-Fan und habe einen Wellensittich.“ „Damit kann man doch ins Gespräch kommen“, findet Gordon Stelmaszyk vom Jugendamt. Die „Schatzkiste“ nehmen die Kinder mit in die fünfte Klasse. Vorab darf der neue Lehrer hineinblicken.

„Nette und schöne Noten“ wünschen sich alle Kinder. Zwei, drei Jahre später ist die Schulwelt oft nicht mehr so rosig. Im siebten Schuljahr wächst etwa die Schülerzahl an den Wittener Hauptschulen immens, weil sie Kinder aufnehmen müssen, die an den Realschulen scheiterten. Ein klassischer Fall: Die Eltern sehen ihr Kind nicht auf der unbeliebten Hauptschule, obwohl deren Lernschema von Anfang an besser gepasst hätte.

Dass Kinder an ihrer Schule nicht zurecht kommen, „ist Quälerei auf beiden Seiten“ , sagt Frank Schweppe und betont: „Rückläufer“ gäbe es auch an Gymnasien und an Gesamtschulen.

Woran liegt’s? Überhitzte Karrierewünsche für den Nachwuchs? Beratungsresistente Eltern? Eine klare Antwort wusste man auch im Rathaus nicht. Nur dass, obwohl in vielen Grundschulen schon Kennlernwochen und andere Ideen umgesetzt werden, man vor der Schulwahl helfen muss. Denn, so Schweppe: „Wer unten mit dem falschen Knopf anfängt, kriegt oben die Jacke nicht mehr zu.“

 
 

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