Witten fehlt das Geld für den Fahrrad-Turbo

Johannes Kopps
Als vorbildlich gilt der neue Fahrradunterstand an der Uni. Der frühere Fahrradkäfig hatte weniger Plätze, keinen Wetterschutz und nur Bügel für die Vorderräder. Jetzt kann man auch den Rahmen anschließen. Foto:Thomas Nitsche
Als vorbildlich gilt der neue Fahrradunterstand an der Uni. Der frühere Fahrradkäfig hatte weniger Plätze, keinen Wetterschutz und nur Bügel für die Vorderräder. Jetzt kann man auch den Rahmen anschließen. Foto:Thomas Nitsche
Foto: Funke Foto Services
Ein Ingenieurbüro sollte den Wittenern aufs Rad helfen. Für den Auftrag fehlt das Geld. Die Rad-Clubs sind enttäuscht, bietet der Stadt jetzt ihre Unterstützung an.

Witten.  Für ein ehrgeiziges Radverkehrskonzept hatten alle Ende 2014 im Verkehrsausschuss die Hände gehoben. Zentraler Baustein sollte ein Auftrag an ein Ingenieurbüro für 70 000 Euro sein, Experten sollten das Projekt vorantreiben. Ausbleibende Fördermittel machen der Stadt jetzt einen Strich durch diese Rechnung. Die „Fahrrad-Lobby“ – Allgemeiner Deutsche Fahrradclub (ADFC)und Verkehrsclub Deutschland (VCD) – ist darüber sehr enttäuscht und bietet der Stadt gleichzeitig ihre Hilfe an.

Für fünf Prozent aller Wege steigen die Wittener heute aufs Rad – in zehn Jahren sollen es 13 Prozent sein; sechs Kilometer neue Radwege oder -streifen in fünf Jahren: Das sind die Eckdaten des Konzepts. Das Planungsbüro sollte Witten helfen, den Turbo einzulegen: Nicht nur, um die schlimmsten Lücken bei den Alltags- und den Freizeitradwegen zu schließen. Es sollten auch Kampagnen entwickelt werden, um Wohnungsgesellschaften, Arbeitgeber oder Schulen zu bewegen, zeitgemäße Abstellmöglichkeiten zu schaffen.

Musterbeispiel Uni Witten

Als Musterbeispiel gilt hier schon die Universität: Auf Empfehlung städtischer Verkehrsplaner hat sie jetzt ihren „Fahrradkäfig“ durch eine überdachte Anlage ersetzt. Wenn das neue Campusgebäude auf dem heutigen Parkplatz gebaut wird, will die Hochschule laut Planer Andreas Müller auch im großen Stil für ihre Radfahrer investieren. Damit können sie schließlich Plätze im Parkhaus einsparen, das sie errichten wird. Jetzt müsste nur noch die Pferdebachstraße – die Holperstrecke in die City – endlich erneuert werden. Sie steht oben auf der städtischen Erneuerungsliste.

Dem „Turbo“ ist jetzt aber schon vor dem Start der Sprit ausgegangen. Im Verkehrsausschuss informierte die Stadt über die Absage der zentralen NRW-Förderstelle in Jülich: kein Geld mehr im Landes-topf. Witten möge den Antrag zurückziehen und neu stellen, wenn der Haushalt 2016 genehmigt ist. Ein Planungsbüro könnte dann frühestens 2017 loslegen.

Fahrradclub ist enttäuscht

Die Vorsitzende des ADFC Ennepe-Ruhr, Susanne Rühl (58), ist „sehr enttäuscht“, dass die Umsetzung des Konzepts nach der positiven Resonanz durch Verwaltung und Politik 2014 ausbleibt. „Witten sieht aktuell zu, wie sich in den größeren Nachbarstädten viel bewegt. Witten bleibt aber stehen und fällt damit zurück.“

Auch der Verkehrsclub Deutschland (VCD) EN, der sich für eine „ökologische Verkehrspolitik“ einsetzt, ist „über den Stillstand sehr unglücklich“. Der Radverkehr spiele schließlich auch eine wichtige Rolle als Zubringer für Bus und Bahn, sagt Björn Frauendienst (32) vom VCD. Der Hevener ist beruflich für das Mobilitätsmanagement der Bochumer Ruhruni verantwortlich. Er hat gemeinsam mit der städtischen Verwaltung das Verleihsystem „Metropolrad Ruhr“ nach Bochum geholt – mit inzwischen 125 000 Nutzungen im Jahr. Frauendienst: „Das System würde ich auch gerne in Witten haben.“

Zusammenarbeit mit Stadt angeboten

ADFC und VCD bieten der Stadt jetzt an, ihr Expertenwissen ehrenamtlich in eine gemeinsame Arbeitsgruppe für das Radverkehrkonzept einzubringen. „Wir könnten Zählungen oder Befragungen übernehmen“, erläutert Björn Frauendienst. „Oder wir könnten eine Dokumentation von Einbahnstraßen machen, die man noch für Radfahrer öffnen könnte. Davon gibt es noch unglaublich viele.“