Theologe: „Muslime nicht unter Kollektivschuld stellen“

Ein Archivbild der Ruinen der antiken Stadt Palmyra in der syrischen Wüste nördlich von Damaskus. Aufgenommen wurde es 2009. Die historische Oasenstadt wurde inzwischen von der IS-Terrormiliz zerstört.
Ein Archivbild der Ruinen der antiken Stadt Palmyra in der syrischen Wüste nördlich von Damaskus. Aufgenommen wurde es 2009. Die historische Oasenstadt wurde inzwischen von der IS-Terrormiliz zerstört.
Foto: dpa
Theologe Esnaf Begic referierte an der Holzkamp-Gesamtschule in Witten über das Gewaltpotenzial des Islams.

Witten..  Nach anfänglichem Zögern schnellen die Hände in Luft. Die Schüler haben viele Fragen an Esnaf Begic, der in der Holzkamp-Gesamtschule zum Thema „Gewalt im Islam?“ referiert. Begic bekennt sich zum Islam, zur deutschen Gesellschaft – und zum BVB. Das bricht das Eis.

Der Vortrag des Dozenten für Islamische Theologie (Universität Osnabrück) war bereits vor den Anschlägen in Paris geplant. Nach den Attentaten hatte der ehemalige Imam des Bosnisch-Islamischen Kulturzentrums in Castrop-Rauxel aber zunächst erwogen abzusagen. Er habe keine Lust gehabt, sich für etwas rechtfertigen zu müssen, mit dem er nichts zu tun habe: „Wenn ich von Ihnen verlangen würde, sich vom NSU zu distanzieren, würde Ihnen das wohl auch nicht gefallen.“

Begic räumt am Dienstag mit vielen in den Medien verbreiteten Irrtümern auf und erinnert zudem daran, dass auch Muslime Leidtragende des Terrors sind. So seien unter den Opfern vom 13. November auch ein Ordner und sowie ein Polizist islamischen Glaubens gewesen. „Europa darf Muslime nicht unter Kollektivschuld stellen“, warnt der gebürtige Bosnier. Auch weil Gewalt nicht zum Wesen des Islams gehöre. Es gebe aber einen Unterschied zwischen „muslimisch“ und „islamisch“. Begic: „Wer seine Gewalttaten mit einzelnen, aus dem Zusammenhang gerissenen Versen aus den islamischen Quellen legitimiert, versteht die Religion nicht.“

Scharfe Worte gegen Radikale

„Die menschliche Person ist auch im Islam unantastbar, Gewalt verboten.“ Es gebe allerdings Ausnahmen von diesem Gewaltverbot, wie der Theologe einräumt: „Wenn es um die Bestrafung von Mördern geht oder einem Muslim Unrecht angetan wurde und er sich verteidigen muss.“ Dies sei laut Begic aber absolut nicht der Fall in Paris gewesen. In welchen Situationen aber der besagte Verteidigungsfall für Muslime vorliege, lässt der Theologe bei seinem Vortrag leider offen.

Begic, der derzeit an seiner Doktorarbeit schreibt, erklärt den Wittener Schülern außerdem, dass der Ruf nach einer Reformierung des Islams, der vor allem im Westen immer wieder laut wird, problematisch sei. „Natürlich brauchen wir einen kritischen Umgang mit den Quellen. Aber gewaltbereite Gruppierungen sind Produkte des ,Reformislams’, zu dem Strömungen wie der Whahabismus zählen.“ Diese konservative Richtung, die sich auch gegen viele islamische Traditionen wende, werde von Saudi-Arabien staatlich gefördert.

Schüler haben viele Fragen

Für die Radikalen findet der Referent scharfe Worte: „Die antike Stätte Palmyra hat 1400 Jahre Islam überlebt, bis zu diesen Barbaren, die unsere Tradition negieren und die Religion ,reformieren’ wollen.“ Die islamische Welt müsse einen angemessenen Umgang mit diesem neuen Phänomen erst noch finden.

In der abschließenden Fragerunde zeigen sich die Jugendlichen sehr interessiert. Eine muslimische Schülerin möchte wissen, warum man die Zentren der IS-Anhänger nicht aufsuchen und ihnen einen anderen, besseren Weg aufzeigen könne. Ihr erklärt erklärt Esnaf Begic: „Leider gibt es keine offiziellen Zentren, in denen der IS sich rekrutiert und in denen man eingreifen könnte. Und ihre propagandistischen Internetauftritte, die ich regelmäßig melde, werden leider auch nicht immer gelöscht.“

Nach und nach heben immer mehr Oberstufenschüler ihre Hände. Die Veranstaltung hat einen Nerv getroffen.

 

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