Suche nach verborgenen Stärken

Auch mal um die Ecke gucken: Schüler sollen die Berufswelt aus einer anderen Perspektive kennenlernen.Foto: Walter Fischer / WAZ FotoPool
Auch mal um die Ecke gucken: Schüler sollen die Berufswelt aus einer anderen Perspektive kennenlernen.Foto: Walter Fischer / WAZ FotoPool
Foto: Walter Fischer
Beim Projekt „Komm auf Tour“ lernen Schüler spielerisch, dass sie mehr Stärken haben als sie denken. Sie sollen sich später im Ausbildungs-Dschungel besser zurechtfinden.

Witten.. Cem nimmt das Heft in die Hand und organisiert ein Theaterstück, später steht Mitschülerin Eva selbstbewusst auf der Bühne. Andere Jugendliche bauen ein Bett zusammen oder laufen durch ein Labyrinth. Spiel und Spaß in der Werkstadt? Ja und nein. Haupt-, Gesamt- und Förderschüler aus dem Kreis sollen auch etwas Verborgenes entdecken: ihre Stärken.

„Viele Jugendliche fragen sich: Was kann ich eigentlich? Sie gucken nicht über den Tellerrand hinaus.“ Lilo Dannert muss es wissen. Die Vorsitzende des Jugendhilfe- und Schulausschusses ist im „normalen“ Leben Techniklehrerin. Jungen, die Mechaniker und Mädchen, die Erzieherin werden wollen, begegnen ihr ständig. Das wolle man auch niemandem ausreden, sagt Dannert. „Aber wir möchten den jungen Leuten auch andere Berufe ins Blickfeld bringen.“ Jungs können auch Kindergärtner, Mädels auch Tischler.

Helfen bei der Suche nach verborgenen Stärken sollen das Bett, die Bühne, das Labyrinth. Sie sind Teile eines sechsteiligen Parcours in der Werkstadt. „Jeder vierte Jugendliche bricht seine Ausbildung vorzeitig ab“, sagt Thomas Helm von der Agentur für Arbeit. Der Hauptgrund: „Viele merken erst hinterher, wo ihre Stärken liegen.“

Aber auch der Ausbildungs-Dschungel macht es nicht leicht. „Junge Leute müssen sich nach der Schule für eine von 350 verschiedenen Lehrstellen entscheiden“, rechnet Thomas Helm vor. Von wegen Koch, Kaufmann, Kfz-Mechaniker. Orientierung finden heißt deshalb das Motto an diesem Tag. Welcher Beruf passt wohl zu Cem, Eva und den anderen Schülern?

Sie probieren es gerade in dem Labyrinth aus, das in der Halle der Werkstadt aufgebaut ist. Mit einem Periskop, einem Guck-Rohr, das den Blick um die Ecke möglich macht, sollen die Jungs und Mädels auch beruflich den Blickwechsel üben. Andere lassen sich mit einer verklebten Brille durch die Gänge führen. Das Motto: Verantwortung übernehmen, Vertrauen üben.

Eine Etage höher entscheiden sich einige Mädels fürs Thema „Shoppen gehen“. Was ist das denn? Auf der Rückseite der Aufgabenkarte lesen die verblüfften Schülerinnen, worum es geht: Vorm Schuhkauf muss noch der Abfluss repariert werden. „Oh mein Gott!“ Die Gesichter gehen nach unten. Doch als sie selbst Hand anlegen, merken sie: So werkeln wie die Männer ist doch nicht so schwer. Und die Jungs haben sich in der sturmfreien Bude beim „Bett zusammenbauen“ auch gut geschlagen. Nunja, eigentlich ging’s drum, das Zimmer fürs Date romantisch herzurichten...

Betreut werden die Jugendlichen von Praktikern der Arbeitsagentur, von pro familia oder der Caritas. Diese vergeben kleine Punkte, mit denen die Schüler bunt beklebt umherlaufen. Jeder Punkt steht für eine Stärke: ein Feuerwerk für Fantasie, ein Blatt für den grünen Daumen. Cem hat am meisten Büroklammern gesammelt. Als Theater-Chef war er eben die ordnende Hand. Da hat der 13-Jährige, der gerne Arzt werden möchte, offenbar eine Stärke entdeckt, die ihm bislang verborgen war. „In meinem Zimmer herrscht das reine Chaos.“

INFO

Der Werkstadt-Parcours ist Herzstück des Projekts „Komm auf Tour – meine Stärken, meine Zukunft“ von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung und der Agentur für Arbeit.

Das Projekt steht Schulklassen noch bis morgen offen. Dann ist eine andere von insgesamt 48 teilnehmenden Städten und Kreisen in NRW dran.

Eltern können am Mittwoch (23.5.) an einem Elternabend zum Thema Berufsorientierung in der Werkstadt (Mannesmannstraße 6) teilnehmen (Beginn: 19 Uhr).

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