Städtestreit um Marke - wahre "Ruhrperlen" kommen aus Witten

Gerd Heidecke
Das Stadtmarketing von Mülheim an der Ruhr hat sich nun den „Perle“-Begriff schützen lassen. Das Wittener Unternehmer Lohmann erinnert daran, dass schon vor dem Jahr 1900 trinkbare Ruhrperlen in dem Wittener Familienbetrieb hergestellt wurden. Und vor zwanzig Jahren tauchte der Begriff wieder auf.

Witten. Mit einem Schmunzeln blickt Unternehmer Günter Lohmann in Herbede auf einen Streit, der wenige Ruhr-Kilometer stromabwärts die Gemüter in Mülheim und im Essener Stadtteil Werden erhitzt. Das Mülheimer Stadtmarketing hat sich den Begriff „Ruhrperle“ schützen lassen und verlangt von den Nachbarn praktisch unerschwinglich hohe Lizenzgebühren für die Benutzung. „Haben wir in Witten alles schon gehabt“, sagt der 74-jährige Unternehmer in sechster Generation – und erinnert an „Lohmann’s Ruhrperlen“ aus dem 19. Jahrhundert.

Alte Idee eine „Route der Flußnatur“

Die trinkbaren Ruhrperlen aus Witten sind nämlich viel, viel älter als der aktuelle Markenrechtsstreit. Die laut Anzeigen „Specialität“ der – Achtung: altdeutsches Bandwurmwort – „Dampfkornbranntweinbrennerei Albert & Gustav Lohmann“ hatte weit vor der Wende zum 20. Jahrhundert bis in die Wirtschaftswunderzeit nach dem zweiten Weltkrieg für feucht-fröhliche Kehlen gesorgt, mit 38 Prozent.

Allerdings hilft es den Werdenern auch nicht, dass von Alters her mit dem Schmuckstück für ihr Kleinod geworben wird. „Werden ist seit über 100 Jahren Perle des Ruhrtals, Perle an der Ruhr oder Ruhrperle“, sagt Dr. Dietmar Rudert vom Bürger- und Heimatverein und holt eine entsprechende Werbung aus dem Jahr 1910 hervor und legt sogleich das Lied „Werden, die Perle an der Ruhr“ obendrauf. Beweise gibt es zuhauf, halt nur keinen Eintrag beim Deutschen Patent- und Markenamt.

Zehn sehenswerte Punkte in Witten

Daran haben die Ehrenamtlichen in Werden nie gedacht. Sie entwickelten seit 2008 Logo und Namen „Essener Ruhrperlen“, auch für die anderen Stadtteile am Fluss. Sogar ein amtlicher Stadtplan mit dem Aufdruck „Sonderausgabe Ruhrperlen“ erschien. Inzwischen ist der vom Markt genommen. Faltblätter wollen die Essener einstampfen, und wohl auch die Hinweistafeln an den Bauten wieder abbauen.

Günter Lohmann erinnert sich an eine rund 20 Jahre alte Idee, noch aus der Zeit des Kommunalverbands Ruhrgebiet. Es galt, „die besonderen Punkte an der Ruhr als Perlen zu bezeichnen, von der Quelle bis zur Mündung.“ Zwar ist aus dem Geistesblitz einer Art von „Route der Flußnatur“ nichts geworden, Lohmann hätte aber eine schöne Liste von zehn Punkten in Witten, die zu einer solchen Flussperlenkette gehören müssten: Kemnader See, Haus und Zollhaus Herbede, Königliches Schleusenwärterhaus, Burg Hardenstein, Zeche Nachtigall, Bergbauwanderweg Muttental, Bergerdenkmal, Schloss Steinhausen, Eisenbahnviadukt.

Und dann erinnert Günter Lohmann noch kurz daran, dass die Ruhr kein Grenzfluss ist, sondern viel verbindet, auch die Menschen. In Werden zweifeln sie daran, dass man dies in Mülheim genauso sieht.