Witten

Privatzahler gern gesehen

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Witten. . „Komfortstationen“ für Zusatzversicherte liegen im Trend. Immer mehr Krankenhäuser werben dafür. So auch das Evangelische Krankenhaus Witten (EVK). Dieter Scholl findet das zynisch: „Willkommen in der medizinischen Zwei-Klassen-Gesellschaft“, schreibt er in einem Leserbrief.

Seine mittlerweile verstorben Frau habe als Krebspatienten eine andere Krankenhauswelt des EVK kennenlernen müssen, so Scholl. Sie lag als Kassenpatientin auf einer Station, wo nach Meinung Scholls die Unterbringung „am untersten Level“ gewesen sei. Die Dreibettzimmer seien alt und eng gewesen. Man habe da die wahrscheinlich wirklichkeitsnähere Seite des Krankenhauses kennengelernt. Aber ist dieser Vorwurf haltbar? Gibt es diesen Unterschied in der Ausstattung?

EVK-Verwaltungsleiter Joachim Abrolat lädt zum Besuch der Klinik, die sich gerade im Umbau befindet. Er gibt auf einem Rundgang zu: „In einem Haus mit Baubestand aus den Siebziger Jahren gab es schon ein optisches Gefälle zwischen einigen Zimmern. Doch deshalb renovieren wir alle Etagen durch.“ Auch die onkolgische Station, auf der im Januar dieses Jahres Dieter Scholls Frau gelegen hat.

Dort stapelt sich derzeit Schutt und Asche, die Zimmer sind längst nicht mehr belegt. Bäder werden barrierefrei ausgebaut und Räume modernisiert. Das EVK investiert zehn Millionen in den Umbau.

Wenn 2013 alles fertig ist, werde der Unterschied zwischen der neu renovierten Privatstation (Wahlleistungstation genannt) und einer „normalen“ Station weniger gravierend sein, betont Abrolat. Wie zum Beweis führt er durch eine schon renovierte Etage für Kassenpatienten. Dort gibt es zwar überwiegend Dreibettzimmer, es ist aber hell und freundlich.

Den Vorwurf der Zwei-Klassen-Medizin weist der Verwaltungschef von sich: Medizinisch werde jeder Patient gleich behandelt, ob gesetzlich oder privat versichert. Abrolat: „Wir bekommen pro Behandlung die gleiche Fallpauschale.“ Hygiene, Pflege und medizinische Versorgung seien gleich. Die hygienischen Bedingungen werden regelmäßig vom Gesundheitsamt kontrolliert.

Dass ein Krankenhaus Zusatzleistungen anbiete und dafür Werbung mache, das sei klar von der Politik gewollt. „Krankenhäuser stehen unter Konkurrenz“, erklärt der Verwaltungschef. Gerade im dicht besiedelten Ruhrgebiet könnten Kliniken oft nur durch Spezialisierungen und Fusionen überleben.

Privatpatienten bzw. Zusatzversicherte sind für die Krankenhäuser lukrativ. Der Bedarf an speziell ausgestatteten Einbettzimmern mit Zusatzleistungen wie Balkon, Lounge und exklusive Speisen sei gestiegen, betont Abrolat. „Es gibt auch viele gesetzlich Versicherte, die mehr für ein besonderes Ambiente zahlen. Der Geschäftsführer zeigt ein modernes Zweibettzimmer in der Wahlleistungsstation. Ein gesetzlich versicherter Patient, der dort liegt, sagt: „Die Ruhe war mir das Geld wert.“ Hier verweilen Patienten getrennt durch eine schicke Schrankwand. Es gibt Flachbildschirme. Die Station ist voll belegt.

Diesen Trend der Zuzahler bestätigt das Marienhospital, in dem es ebenfalls eine Station für Privatzahler und Zusatzversicherte gibt - und für die ebenfalls geworben wurde. „Das Angebot wird bei uns extrem nachgefragt“, sagt Verwaltungsdirektorin Simone Lauer. Die 18 Betten der Panoramastation seien sehr gut ausgebucht. „Wir könnten noch viel mehr gebrauchen.“

Laut Verband der privaten Krankenversicherung haben 21,91 Millionen Versicherte eine private Zusatzversicherung. Immer mehr Patienten wollen alleine liegen. Ob sich diesen Trend später alle leisten können, ist eine andere Frage. Dieter Scholl hätte sich damals gewünscht, dass seine schwerkranke Frau auch in den Genuss von ein wenig renoviertem Wohlfühlambiente gekommen wäre. Eine Zusatzversicherung hatte sie nicht.

 
 

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