Pirat sagt rotem Filz den Kampf an

Wahlkampfauftakt der Piratenpartei Witten, von links: Roland Löpke, Elaine Bach, Bürgermeister-Kandidat Stefan Borggraefe.
Wahlkampfauftakt der Piratenpartei Witten, von links: Roland Löpke, Elaine Bach, Bürgermeister-Kandidat Stefan Borggraefe.
Foto: FUNKE Foto Services
Bürgermeisterkandidat Stefan Borggraefe will mit „Parteiengeklüngel“ Schluss machen. Im Rathaus gebe es zu viele Beamte und zu wenig Transparenz

Witten..  Wer zaudert, hat als Pirat schon verloren. Das Rathaus haben die Wittener Piraten schon geentert. Zwei Sitze behaupten Stefan Borggraefe (39) und Roland Löpke (59) dort seit der Ratswahl 2014. Jetzt will Borggraefe auf den Chefsessel. „Natürlich glaube ich an meine Chance zu gewinnen“, sagt der Software-Entwickler aus Annen, „sonst würde ich bei der Bürgermeisterwahl doch gar nicht antreten.“

Genug sei genug, findet Borggraefe. „Nach 70 Jahren unter der Führung von Bürgermeistern der gleichen Partei“ sei Witten „erstarrt in Ineffizienz, festgefahrenen Strukturen, Parteiengeklüngel und Ideenlosigkeit“. Er verweist auf die Überschuldung der Stadt, den angeblich zu hohen Personalbestand wie auch die Beamtenquote bei den städtischen Beschäftigten. Mit 34 Prozent liege die sehr hoch. Darunter befänden sich auch viele Stellen „ohne hoheitliche Aufgaben“. 20 Prozent Beamte reichten völlig aus.

„Ratssitzungen live übertragen“

Dem angeblichen „Filz“ im Rathaus sagt Borggraefe, selbst Sohn eines früheren SPD-Stadtdirektors und -Bürgermeisterns von Recklinghausen, nicht nur mit Worten den Kampf an. Bei seinem Wahlkampfauftakt am Freitagnachmittag vor der Stadtgalerie lud er Passanten ein, dem Filz – rotem Filz, bei näherer Betrachtung – mit Scheren, Bürsten und Besen zu Leibe zu rücken. Dafür hatten die Piraten 20 Quadratmeter roten Filz besorgt – nicht im Rathaus, wie sie einräumten, sondern „bei Amazon bestellt“.

„Schluss mit Filz“ will Borggraefe als neuer Bürgermeister machen, indem er mehr Bürgerbeteiligung und Transparenz verspricht. Ratssitzungen sollen dann live übertragen – „gestreamt“ – werden, Bürger dort selbst das Wort ergreifen dürfen. Nach dem Muster Solingens soll jeder frühzeitig städtische Vorhaben auf der Stadtseite einsehen können.

Öffentliche Aufträge soll nicht mehr die Stadt selbst ausschreiben. Das könne eine darauf spezialisierte Genossenschaft übernehmen, die das schon für 90 Kommunen erledigt. Das gewährleiste Unabhängigkeit, Effizienz und Einsparungen. Borggraefe: „Das funktioniert wie eine Einkaufsgemeinschaft.“

Dass sich die als Internet-Partei gestarteten Piraten beim Wahlthema „digitales Witten“ die Butter nicht vom Brot nehmen lassen wollen, versteht sich. Das schnelle Glasfasernetz müsse bis zur Haustür ausgebaut werden, andere Brückentechnologien seien nur Zeit- und Geldverschwendung.

Als Freifunker-Aktivist in Witten hat Borggraefe freies WLAN an vielen Stellen in Witten angestoßen. Es gibt es jetzt unter anderm am Rathaus, im Wiesenviertel und am Bahnhof. Und nicht nur dort: Man habe sich auch darum gekümmert, dass die in der Jahnhalle untergebrachten Flüchtlinge schon nach zwei Tagen über einen Rooter und freies Internet verfügen konnten.

Piraten-Wahlkampf: Geld, Artikel, Slogans

Das Wahlkampfbudget liegt nach Piraten-Angaben derzeit bei 4000 Euro. Die Einnahmen setzen sich zusammen aus Mitgliedsbeiträgen sowie Spenden von Einzelpersonen aus dem EN-Kreis. Die Piraten sitzen auch im Kreistag. In Witten hat die Partei 50 Mitglieder.

320 Plakate wurden gedruckt und aufgehängt. Eine Einzelanfertigung ist das große Graffiti-Plakat von Jonas Heinevetter am Hauptbahnhof. Es gibt Postkarten, Aufkleber und Flaschenöffner mit dem Bild des Kandidaten. Zur Wahlkampfseite: www.der-ist-neu.de

Die umstrittenen interkommunalen Gewerbegebiete in Witten lehnen die Piraten ab. Dafür gibt es Spezial-Plakakte: „Blühende Landschaften“ fordern sie für Stockum/A 44. Für die Erdbeerfelder in Heven druckten sie den Beatles-Titel: „Strawberry Fields forever!“

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