Pirat mag’s lebendig und digital

Foto: Funke Foto Services
Stefan Borggraefe (39) will Bürgermeister werden. Dass er allenfalls Außenseiterchancen hat, stört ihn nicht. „Die Stadt braucht was Neues“, meint er

Witten.  Wir gehen nicht gleich zum Gespräch, wir gehen einen Umweg. Über den Rathausplatz, über die Ruhrstraße, hin zum Kornmarkt. Da hängt die neueste Idee von Stefan Borggraefe (39): ein Nicht-Wahlplakat der Piraten – auf dem er, der Bürgermeisterkandidat seiner Partei, selbst zu sehen ist. Die SPD hat vorgemacht, wie man das trickst: Wahlkampf machen, ohne dass Wahlkampf erlaubt ist. Das Plakat der Genossen prangt ein paar Meter weiter. Borggraefe: „In Witten ist seit 70 Jahren die gleiche Partei am Ruder: Da ist Sand im Getriebe.“

Alle Fraktionen im Boot

Auf dem Markt ist heute viel los, so hat es Borggraefe gern. „Nehmen Sie das Foto mit den Ständen im Hintergrund“, wünscht sich der gebürtige Bochumer, der neben seinem Job als Software-Entwickler ehrenamtlich im Help-Kiosk Flüchtlinge unterstützt und seit rund einem Jahr den Rat mit seiner Mini-Fraktion von zwei Leuten aufmischt. „Ich bin erstaunt, was wir an Anträgen schon durchgekriegt haben.“

Dass der städtische Haushalt im Netz einsehbar wird, ebenso wie das digitale Anfragenarchiv auf der städtischen Homepage, sind Piraten-Ideen, denen sich alle Fraktionen anschlossen.

Auch, dass man sich als Gremium öffentlich gegen den rechtsgerichteten Wissenskongress aussprach, der erst vor Kurzem im Saalbau auf Initiative des rechten Flügels der AfD stattfand, geht auf Borggraefes Kappe. „Ich rede mit den Beteiligten, ich suche immer Verbündete.“ Sein Traum: „Ein Leitbild für Witten mit Stadtmotto, das man als Rat gemeinsam entwickelt: ,Lebendig und digital’ fände ich klasse.“

Gegen den Strom mit allen im Boot

Gegen den Strom mit allen im Boot: „Außer mit den Rechten!“ Das Smartphone liegt im Interview auf dem Tisch. Die neuen Medien sind ständiger Begleiter. Borggraefe war das erste Ratsmitglied, das den IT-Chef im Rathaus aufsuchte und ihn fragte: „Wie läuft’s denn so, wo drückt der Schuh?“ Digitalisierung, klar, das ist sein großes Thema. Freies W-LAN, ein Rats-TV, auf dem Sitzungen übertragen werden. Auf der parteieigenen Homepage hat Kandidat Borggraefe sein eigenes Profil, auf dem Bürger Anfragen posten können.

Aber Borggraefe besetzt auch die klassischen Felder, Stadtplanung etwa: „Die Innenstadt würde mit mir als Bürgermeister mehr zum sozialen Raum werden. Initiativen könnten in leere Ladenlokale ziehen, ich würde Straßenmusiker einladen.“ Jeder, sagt Borggraefe, könne bei ihm seine Ideen loswerden. „Ich habe vielleicht nur eine Außenseiterchance. Aber die werde ich konsequent nutzen.“

 
 

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