Pflegedienste warnen vor kranken Strukturen

Kundgebung am 17. April auf dem Rathausplatz: Das Bett symbolisiert die überbordende Pflege-Bürokratie.
Kundgebung am 17. April auf dem Rathausplatz: Das Bett symbolisiert die überbordende Pflege-Bürokratie.
Foto: Haenisch / waz fotopool
Witten. EN-Wohlfahrtsverbände fordern angemessene Vergütung in der ambulanten Pflegeund damit wieder mehr Zeit für die Kunden. Autokorso mit 44 Fahrzeugen zum Rathausplatz.

Bunt, laut und fröhlich war der Protestzug der Wohlfahrtsverbände in Witten. Auf dem Rathausplatz ließen es sich die etwa 100 Pflegefachkräfte gestern auch nicht nehmen, der Bürgermeisterin ein Ständchen zu ihrem 53. Geburtstag zu singen: „Happy birthday, liebe Sonja!“

Der Anlass aber war kein freudiger. Eine angemessene Vergütung ihrer ambulanten Pflegedienste durch die Kassen fordern Awo, Caritas, der Paritätische (Familien- und Krankenpflege), das Rote Kreuz und die Diakonie im EN-Kreis, die sich einem landesweiten Protest anschlossen. Unter Dauergehupe und beflaggt mit dem Slogan „Hilfe! Mehr Zeit für die Pflege“ rollten 44 Pflegeautos im Korso von der Dortmunder Straße über Husemann- und Ruhrstraße bis vors Rathaus.

Dort stand ein Krankenbett, symbolträchtig vollgestopft mit Aktenordnern. Jede vierte Arbeitsminute geht nach Angaben der Dienste bei ihnen für die Pflegebürokratie drauf. „Schöne Worte sind zu wenig“ mahnte Caritas-Geschäftsführer Hartmut Claes mit Blick auf die wohlfeile Forderung „ambulant vor stationär“. Er bat die Politik um Unterstützung bei den Verhandlungen mit den Krankenkassen, „die uns über den Tisch ziehen“. Diese seien dabei, „die Pflege kaputt zu sparen“. 29 Euro böten die Kassen aktuell für die Pflegestunde. Das war es, was laut Claes das Fass zum Überlaufen gebracht hatte: „Ist die Arbeit der Krankenschwestern nur die Hälfte eines Schornsteinfeger­einsatzes wert? Ist der saubere Ofenkamin wertvoller als ein gut versorgter Patient?“

Awo-Geschäftsführer Jochen Winter sprach von „kranken Strukturen“. Die Wohlfahrtsverbände müssten beim Einsatz von examinierten Pflegekräften etwa 55 Euro die Stunde berechnen, um kostendeckend zu arbeiten – „wir haben Tarifbindung“. Arbeitszeitverdichtung, engere Tourenplanung und damit immer weniger Zeit für Patienten seien die Folge der Unterfinanzierung, sagte Regina Mehring, Geschäftsführerin der Ev. Pflegedienste der Diakonie Mark-Ruhr.

Besonderes Ärgernis: Werden mehrere Leistungen erbracht, kann nur eine in Rechnung gestellt werden. Landtagsabgeordneter Thomas Stotko (SPD) tat den Veranstaltern den Gefallen und trat beim „Abrechnungs-Check“ absichtlich in die Falle. Die Leistungen Medikamentengabe (9,12 Euro), Blutzuckermessung und Insulininjektion (9,12 Euro) sowie Verbandswechsel rechts und links (12,26 Euro) addierte er auf 42,76 Euro. Berechnen dürfen die Dienste aber nur 12,26 Euro – die höchste Einzelleistung. Hartmut Claes bemühte auch dafür einen Handwerker-Vergleich: „Das ist so, wie wenn ich am Auto Bremse, Beleuchtung und Kupplung machen lasse, aber nur für die Bremse bezahle.“

 

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